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Haben Sie auch eine Arbeiterklasse?

Diese Frage wird im Laufe eines Interviews gestellt, das der stv. Chefredakteur des Falter Klaus Nüchtern mit dem Schriftsteller Julian Barnes geführt hat. Ich liebe diese Frage! Sie wird übrigens nicht vom Interviewer sondern vom Interviewten als Rückfrage gestellt. Das ganze Interview ist hier nachlesbar.

Im Vorfeld zu dieser Frage wird über Sport, Fußball und großartige Spieler geplaudert. Und Nüchtern bemerkt, dass englische Männer sportlicher wären als österreichische. Und dass man das schon in der U-Bahn sehen könne. Klaus Nüchtern stellt dazu auch gleich eine interessante Hypothese auf:
Vielleicht liegt es daran, dass körperliche Arbeit in England noch eine größere Rolle spielt.

Darauf entspannt sich ein ebenso schöner wie interessanter Dialog, der mit Barnes herrlichen Rückfrage ansetzt:

Aber Sie habe doch auch eine Arbeiterklasse? ((Das ‚Sie‘ steht im Falter groß geschrieben. Allerdings, der Herr Barnes wird Klaus Nüchtern wohl kaum gefragt haben, ob ‚Er‘, Nüchtern, eine Arbeiterklasse hätte. Ich weiß nicht, klein geschrieben käme mir passender vor, oder ?))

N: Da bin ich mir nicht sicher. Jedenfalls ist sie für die Sozialdemokratie nicht mehr von Interesse.

Mit der Labour Party ist es ähnlich gelaufen. Tony Blair hat sich um die Wechselwähler gekümmert und die Stimmen aus der Arbeiterklasse als selbstverständlich betrachtet. Und die Gewerkschaft, die immer die traditionelle Basis gebildet hat, wurde vollkommen marginalisiert.

N: Hat nicht schon Thatcher diesen Job erledigt?

Sie hat verschiedene Gesetze durchgebracht, die die Gewerkschaft als Organisation geschwächt haben, wohingegen Blair deren politische Macht zerstört hat. Blair hat der Gewerkschaft den Rest gegeben. Und Gordon Brown ((Blairs Nachfolger als Parteichef, Anm. d. Red.)) hat soeben dafür gesorgt, dass die Lohnsteigerungen der öffentlich Bediensteten denkbar gering ausfallen – gerade so, als wollte er beweisen, dass er die traditionelle Labour-Wählerschaft noch härter behandelt, als das David Cameron ((Parteichef der englischen Konservativen, Anm. d. Red.)) je tun könnte. Bizarr!

N: Wohin geht Labour?

In gewisser Weise ist das egal: In den letzten sieben, acht Jahren hätten die Konservativen so ziemlich dieselbe Politik gemacht. Beide Parteien teilen den absoluten Glauben an die Marktwirtschaft, beide sind für den Irakkrieg …

yeah, tell me about it. mittlerweile überall so. worum nimmt das eigentlich niemand als ausgangspunkt eines forschungsprojekts? „warum hatten die nachrückenden sozialdemokratischen eliten der 80er und 90er quer durch alle möglichen europäischen staaten nichts mehr mit sozialismus am hut?“

N: Ist das nicht traurig?

Es ist total traurig.

N: Jeder hat Blair geliebt, als er Premierminister wurde.

it’s the media, stupid!

Nicht jeder.

N: Sie nicht?

Nein. Ich habe ihn immer für Thatchers logischen Nachfolger gehalten. Radikal war er nur darin, kein typischer Labour-Politiker zu sein.

oh, antwort auf obige forschungsfrage? nun ja, wird einen wahren kern haben, reicht zur erklärung aber nicht aus. außerdem stellt sich die frage, warum hatten die sozialdemokratischen leader – und ihre parteiinternen wählerInnen – so sehr das bedürfnis, keine typischen linken zu sein?

N: Geliebt ist vielleicht zu viel gesagt, aber die Leute hätten ihm nicht gerade die Tür vor der Nase zugeworfen.

Richtig. Ich glaube, man muss zwei Dinge beachten: Zum einen sind Politiker wie Dosennahrung – sie haben ihr Ablaufdatum. Und zum anderen hat der Irakkrieg, der nie populär war, Blairs Beliebtheit und seine moralische Autorität unterminiert. Wenn man in einer Umfrage ermitteln wollte, ob Blair noch zwei, drei Jahre im Amt bleiben soll, würde niemand mit Ja antworten. Es ist schon so, wie es in Lampedusas „Leopard“ heißt: Alles muss sich ändern, damit alles beim Alten bleibt.

N: Keine Hoffnung für sentimentale alte Linke?

Ich bin ein liberal gewendeter Linker. Ich hatte immer das Gefühl, der liberalen Rechten von Labour anzugehören; nun scheint es mir, dass ich dem liberalen linksextremen Flügel von Labour angehöre – und zwar ohne dass ich mich einen Millimeter bewegt hätte. Ein Linker bin ich insofern, als ich nicht glaube, dass die Gesellschaft gerechter und anständiger wird, wenn man alles dem Markt überlässt. Dazu braucht man aber nicht sentimental, sondern nur aufmerksam zu sein. Ich habe Blair einmal als frischgebackenen Parteiführer interviewt, kurz nachdem die Tories gerade die Wassergesellschaften privatisiert hatten. Meine Frage, ob er in diesem Falle für eine Wiederverstaatlichung sei, verneinte er. Also fragte ich, ob es irgendetwas im Staatsbesitz gebe, das wir nicht verkaufen sollten; worauf er antwortete: „die Gefängnisse“. Genau das aber wird nun diskutiert. Sie haben sogar die Bewährungshilfe privatisiert. Wie geht das? Wozu? Wie macht man mit Bewährungshilfe Geld? Es ist grotesk! Das nächste Mal werde ich wohl wieder die Liberal Democrats wählen. Sie sind hoffnungslos, aber wenigstens gegen den Irakkrieg.

immer diese linke suche nach hoffnung und hoffnungsträgerInnen! da bitte ich schon um mehr gute alte skepsis gegenüber heilserwartungen.
wie auch immer, schönes interview.

UPDATE:
kurzer Artikel auf Telepolis mit knappen aber treffenden Resümee der Ära Blair: Sozialdemokratie verabschiedet, gibt es nicht mehr. Und Schröder hat’s kopiert, detto.

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