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8.1.07: Du musst raus und du wirst sehen

Mach dich auf, in die Welt
In ein anderes Land, wo es dir gefällt
Bis zum Rand und übers Meer
Dich hält, hier nichts mehr!

7.1.07, abends. Das Flughafentaxi ist bestellt, ein Kombi, groß genug auch das in einen Karton verpackte Mountainbike samt all dem anderen Gepäck aufnehmen zu können. Die Stimmung ist leicht nervös, gleichwie freudig angespannt. Nein, es geht nicht auf Urlaub, wir übersiedeln, für 2½ Monate.

Um 3:30 wird der Wecker läuten. Es wird nieseln. Wenig Schlaf. Die Angst, nicht hoch zu kommen, wird sich als unbegründet erweisen. Viel zu konzentriert auf die Abreise.
Wir verfügen über noch keine Erfahrung, den Winter auf einer Insel im Atlantik zu verbringen.

Kein Gott – Kein Staat
Keine Arbeit – Kein Geld
(2x)


4.00 früh, Taxi zum Flughafen. Einchecken mit 60kg Gepäck plus einem Stück Sperrgut: das bike. Aber letzteres addiert nicht auf die 60kg auf. Die erklären sich aus mehr als 28 zwischen An- und Abflugdatum, macht 30 statt 20kg frei pro Person. Knapp mehr als die Hälfte der sechzig gehen auf Bücher.

Am Flughafen Nürnberg Zwischenstopp. In der Halle sitzend, liegend, zusammengerollt langsame Dämmerung und schließlich eine Andeutung eines Sonnenaufganges im warm-winterlichen Mitteleuropa. Eine kleine Start- & Landebahn haben sie in Nürnberg. Glitzert feucht, dahinter gleich der Wald.

Aus dem Haufen dieser Stadt,
musst du raus und du wirst sehen,
du wirst dich verändern, in all diesen Ländern

Die Idee ist im Frühjahr 06 langsam in meinem Kopf gereift. Wenn mk mit ihrer Dipl in diesem Jahr fertig wird, ich darauf achte, alle Vortragsverpflichtungen erst ab April zu haben, dann könnte es sich mit allem anderen ausgehen. Drei Monate im Winter, die wir nicht in Wien sein müssten. Vl., das wäre noch zu recherchieren, kommt das Leben drei Monate auf den Kanaren in einem abgeschiedenen Tal in Summe von drei Monaten auf die gleichen Fixkosten. Hier wie da.


Im August haben wir uns mit Vermietern geeinigt und kurz darauf Flüge gebucht. Alles per WWW. Klar, etwas riskant mais oui. Casa callepiedra.
Die WebSeite war eine Empfehlung eines Freundes. Dort inserieren Eigentümer ihre Häuser und Wohnungen, wenn sie selbst gerade nicht gebraucht werden.
Im Frühjahr war mk noch hauptsächlich perplex, glaube ich. In den Sommer hinein hatte sie sich mit der Idee schon angefreundet, und zuletzt war sie es, die Triebfeder ein Quartier zu suchen, zu buchen zu fixieren.

Kein Gott – Kein Staat
Keine Arbeit – Kein Geld
Mein Zuhause ist die Welt
Mein Zuhause ist die Welt!

Tenerife-Sur. Ein Paar steht vor dem Flughafen in der Sonne. Locker 20° plus. Ein Paar mit 60kg Gepäck plus einem bike und einem Zettel, Beschreibung der Anfahrt zur casa callepiedra eine Insel und ein paar Täler weiter.

Das war im Vorfeld meine Sorge gewesen, wie wird der Anreise, wie wird dann der Abreisetag mit dem riesen Karton, wenn dabei die Etappen (1) Flughafen → Hafen durch den Süden Teneriffas, (2) die Überfahrt Teneriffa → Gomera per Fähre und (3) San Sebastian → Berge → Hermigua auf Gomera zurückzulegen sind?


Die Sorge hält glücklicherweise nur ganze zehn normale (neue) Taxis am Flughafen tenerife-sur. Dann kommt ein alter Mercedes, der riesen Karton wird widerwillig am Dach festgezurrt. Die Fähre ist überhaupt kein Problem. Und die sagenhafte und freudige Überraschung folgt im Hafen von San Sebastian.
In den kleinen Fiat Mietwagen passt alles hinein, mk und ich, unser Gepäck, der Karton mit dem bike.

Das Himmelszelt ist dein Dach,
denn all die Lichtern, die dich leiten.
von den Sternen die dich begleiten
kannst du lernen klar zu sehen


Ausfahrt San Sebastian, wir fallen kurz in den Supermarkt beim Markt ein. Danach geht die Straße in einigen Kurven stetig nach oben und immer tiefer ins Tal hinein. Auf dieser ostsüdöstlichen Seite der Straße in den Norden sind die Kurven noch offen und flach, die Straße ist breit und übersichtlich. Die Vegetation ist niedrig, Bäume sind spärlich, auch weiter oben.

Das Panorama lässt dennoch schon das Herz leichter schlagen. Immer wieder bleibt der Blick willkürlich am Roque de Ojila hängen, einem Vulkanschlot, der in Millionen von Jahren von einer weicheren Umgebung befreit markant aus der Kammlinie ragt.

Nach dem Tunel de la Cumbre auf gut 700m sticht die Straße zum Nordteil der Insel durch. Eine andere Welt, üppig, grün, zerklüftet. Ab da geht die Straße wieder hinunter, das Tal von Hermigua.

Wenn Sie Hermigua erreichen – durch ein Schild gekennzeichnet – fahren Sie durch den oberen Teil des Dorfes, bis Sie kurz nach einer Apotheke (farmacia) links einen Wegweiser nach Ibo Alfaro sehen.
Dort neben einem Autovermietungsbuero bergauf abbiegen. Am Abzweig Ibo Alfaro dann links abbiegen und weiter der Strasse bergauf folgen, die nach einer Rechtskurve eben verlaeuft. Etwa ein Kilometer nach der Kurve erreichen Sie ein dreistoeckiges, terracottafarbiges Haus. Suchen Sie sich dort einen Parkplatz aus.

Hermigua hat nicht viele Einwohner. Hermigua ist kein Dorf, Hermigua ist ein Tal. Die Besiedelung zieht sich ab einer gewissen Höhe (500m) ab da, wo Talboden und Hänge es zulassen, mehr oder weniger beständig bis zum Talschluss. Freilich gibt es zwei locker als Ortskerne bezeichenbare Abschnitte. Als oberen Teil des Dorfes können die Agglomerationen weiter oben auf den Hängen ebenso bezeichnet werden wie es nachvollziehbar wäre, den oberen Teil des Tales so vom unteren Teil des Tales zu unterscheiden.
Das Autovermietungsbüro existiert, funktioniert, ist dem Laien deswegen noch lange nicht als solches erkennbar. Nichts weist auf seine Existenz hin.
Die Straße bergauf ist eng. Rechts hängen die Mauern der terrassierten Bananenplantagen steil über die Straße, links geht es zu einem Rinnsal hinunter aus dem zehn Meter hoch Bambus heraus wächst. Es muss in den ersten Gang zurückgeschalten werden.

Kein Gott – Kein Staat
Keine Arbeit – Kein Geld
Mein Zuhause ist die Welt
Mein Zuhause ist die Welt!

Das beschriebene dreistöckige Haus ist absolut unverkennbar. Die Diskussionen, ob es sich um terracottafarben handelt oder eher um ochsenblutrot erübrigen sich. Allerdings, wo hier einen Parkplatz finden. Mitten auf dieser einspurigen Haarnadelkurve? Die sowieso schon durch abgestellte Wagen unübersichtlich ist. Hier umzudrehen wäre ja schon Stress.

Suchen Sie sich dort einen Parkplatz aus und gehen Sie vor diesem Haus rechts den betonierten Fussweg bergab.
Casa Callepiedra ist etwa das fuenfe Gebaeude links, weissgestrichen und mit der Hausnummer 50.
Den Schluessel erhalten Sie von Snra Aida, die zwei Haueser weiter im rosagestrichenen Haus mit Metalltuer auf der rechten Wegseite wohnt. Dort laueten.


Der Fußweg geht über unterschiedlich abgesetzte Treppen zwischen bewohnten, unbewohnten und verfallenen Häusern durch, unterschiedlich steil nach unten, die Richtung nur im Großen und Ganzen beibehalten. Wir befinden uns auf einer Felsnase, anders wüsste ich es nicht auszudrücken. Die Häuser schließen den Fußweg ein, es ist eine Gasse ähnlich einem ägäischen oder italienischem Dorf, das in vergleichbaren topologischen Verhältnissen am Berg hängt. Allein die Farben der Häuser sind anders.


Einen freien Blick ins Tal gibt es nirgends von diesem Weg aus. Die Häuser nehmen den Blick und behalten diesen Schatz für sich.
Als wir von Señora Aida die Schlüssel bekommen haben, öffnet sich erstmal ein Blick in die Wohnung. Sehr fein.

Dann die Vorhänge von der großen Glasfront weg. Pfffff, hier jetzt knapp 10 Wochen leben; essen, arbeiten, schlafen, lesen, trinken, schauen, denken, essen, … ja. Ja.
Ja.

Kein Gott – Kein Staat
Keine Arbeit – Kein Geld
Mein Zuhause ist die Welt
Mein Zuhause ist die Welt!

Jeans Team: Das Zelt ♫[audio:JeansTeam_DasZelt.mp3]

2 Kommentare zu “8.1.07: Du musst raus und du wirst sehen”

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