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Baharestan Platz, Teheran

Das Tian’anmen-Massaker liegt 20 Jahre zurück, zwei Jahrzehnte und ein paar Tage. Eine Generation. Einmal Mündigkeit, Abschluss der Schulbildung, Wehrpflicht. Einmal, in vielen Weltgegenden immer noch die Regel, vor nicht allzuvielen Jahrzehnten sowieso selbstverständlich: einmal von Geburt bis zur Elternschaft.
Die Bilder von Tian’anmen sind nicht vergessen.
Sickert jetzt die Gewißheit ein, dass es sich gerade wiederholt hat? ((ein Nachtrag: siehe dazu, dh. dazu, was am Folgetag als halbwegs überprüfbar verifiziert werden konnte die Analyse von NiteOwl.))

Im Juni 1989 war ich 17, übergewichtig, Außenseiter in der Sportklasse, wenigstens nicht mehr so im Eck, dass ich die Arschkarte gehabt hätte; aber halt Einzelgänger, unangenehm belesen, freilich null Ahnung in Popkultur, peinlich gewandet, aber Hauptsache mit ein wenig Weltliteratur vertraut, den Anderen ein Horror im Stadt-Land-Spiel, wenn s hoch kommt 3x mal nem Mädel selbst zusammen gestellte Musikkassetten geschenkt, ernsthaft geglaubt, Hippies waren intelligente philosophische Rebellen, meinen Vater verachtet, meine Mutter gehaßt und nicht gemerkt, dass ich sie verehre und es unerwiderte Liebe war, in Globalgeschichte weit über die eurozentristische Schreibung hinaus bewandert und die GymnasiallehrerInnen für fast jedes Fach außer Deutsch und Physik auslachend.
Den Weltschmerz hatte ich schon seit einigen Jahren jongliert, und in der Haltung des Kapitäns von Siegfried Lenz‘ Feuerschiff hatte ich eine Position gefunden. Dass überall auf dem Planeten Menschen unterdrückt, gequält und ermordet wurden, nämlich laufend, das war mir bewusst. Und laufend hieß, nämlich auch unabhängig von gerade aktuellen, aber in meiner Jugend (und meiner Erinnerung) sowieso fast alltäglichen Bilder und Berichten von Putschen und Konterputschen in Afrika oder Lateinamerika.

Vor dem Ende der Geschichte
Ich bin aufgewachsen mit den Bildern der Militärparaden am Roten Platz, mit Filmen wie ‚Der Tag danach‚, mit dem Alltag des Golfkrieges und seinen Bildern vom Gaskrieg aus dem Shat El’Arab, mit der visuellen Omnipräsenz der Nuklearsprengkörper bestückten Langstreckenraketen in Zeit-im-Bild-Sendungen und mit dem Bewusstsein, dass in den lateinamerikanischen Diktaturen RegimekritikerInnen einfach verschwanden und entweder nach Jahren für Tod erklärt wurden oder Jahre später Fotos auftauchten, die ihren Tod bald nach dem Verschwinden bezeugten.
Und ich bin mit nur zwei Fernsehsendern aufgewachsen, die noch dazu über viele Stunden des Tages Schneegestöber zeigten und von denen einer nur dann vor 9.00 sendete, wenn Marvin „the marvelous“ Hagler boxte, die nach 18.oo kein Kinder- oder Jugendprogramm mehr hatten (von OKAY am Sonntag und von Sport am Montag abgesehen), und die amerikanische, französische und italienische Spionage-Filme mit einer Plot- und Dialogkomplexität zeigten, die heute von höchstens nur mehr von FilmwissenschaftlerInnen analysiert werden. Ich bin mit den einzig erträglichen Sendungen „Guglhupf“ (wird eben eingestellt) und „Musicbox“ (hab ich damals meistens nicht verstanden) im Radio aufgewachsen, in einer Stadt, deren nächste München war, welche wiederum maximal die Spider Murphy Gang gegen den Austro-Pop setzen konnte.
Alles in allem: kalter Krieg.

Der Tian’anmen-Platz
Es ist aus der Distanz nicht einsichtig, warum Tian’anmen in meiner Erinnerung eine hervorragende Stellung einnimmt. Monate später, die Bilder von den unbekannten, höflich-gefasst sich freuenden Menschen, die da am Zaun auftauchten, diese Bilder waren nicht weniger bewegend. Auf der Landkarte in meinem Kopf waren sie in gebrechlichen Kisten durch dieses im Fernsehen immer rot hinter der fetten schwarzen Linie gezeichnete Terrain gefahren, hatten sich als Ungarntouristen innerhalb ihrer Ostblockwelt abgeseilt, ihre Wohnungen und bisherigen Leben zurückgelassen und zuckelten dann schüchtern durch einen frisch aufgeschnitten Stacheldraht.
Etwas später viel die Mauer, viel lauter, heller, greller. Natürlich liefen mir auch da wieder, ebenso wie allen anderen, die Tränen herunter, bei den Bildern der fassungslos durch Brandenburger Tor Strömenden wie sie den fassungslos am Kurfürstendamm Spazierenden in die Arme fallen.

In Moskau wiederholten sich dann, in meinem Kopf traumatisch, aber mit anderem Ergebnis, die Bilder von sich vor Panzer legenden Menschen.
Überhaupt fällt mir auf, dass meine Jugend mit medialen Bildern von vollkommen selbstverständlichen Panzern markiert ist, die dann irgendwann wie spurlos verschwanden.

Tian’anmen war anders. Tian’anmen war anders als Südafrika, anders als die Falklands, anders als El Salvador, anders als Bukarest, als Vietnam, das Nasser-Attentat, Ghandi, die Flugzeugentführungen, die Geiselnahmen, die RAF und die Roten Brigaden, Uganda, die Killing Fields, Chile oder Argentinien, Nicaragua.

Tian’anmen war ungeheuerlich. Tian’anmen war kein Satellitenstaat sondern China, die alte Kulturnation, das rote China, vor dem sich sogar die Sowjets fürchteten. Tian’anmen war kein Putsch, keine ungeklärte politische Situation, keine Protest von hilflosen Verzweifelten, denen man à la longe keine Chance gab, keine Guerillaaktion von Widerständlern, die gegen Gewalt Gegengewalt setzten.
Tian’anmen war die Ahnung von einer Weiche in der Universalgeschichte. Tian’anmen war kein Spielfeld, auf dem schließlich die Systemgegner ihre Marionetten es ausfechten lassen würden. Tian’anmen war ein Erdbeben, das die Welt meiner Generation erbeben ließ; bzw. zumindest meine. Tian’anmen war eine andere Welt ist möglich, bevor ich den Spruch gehört hatte oder auch nur denken hätte können.

Junge Menschen gegen ein altes Regime, das plötzlich wie ein Auslaufmodell der Geschichte wirkt.

Neda, twazzup, der immunisierende flash-back
Bald nach den ersten Bildern aus dem Iran war Tian’anmen wieder da. Bald nach den ersten Bildern aus dem Iran war der Schmerz, das Ohnmachtsgefühl, das Bewusstsein der eigenen Lächerlichkeit wieder da. Natürlich geht da mit den ersten Bildern aus dem Iran auch die Hoffnung einher, dass es anders als am Tian’anmen enden möge. Aber die Hoffnung ist kein vibrierendes Sehnen, nicht das Bitte-Bitte-Lass-es-gut-ausgehen Hoffen, es ist bar der emotionalen Vorauszahlungen auf ein Happy-End. Es ist abgeklärt, fucking realistisch abgeklärt. Wenn, dann ist es prophylaktisch nüchtern kalkulierend: ja, es kann eine friedliche Revolution werden, wahrscheinlicher ist …

Die Bilder aus dem Iran kamen diesmal nicht via Fernseher, nicht via ZiB. Gäbe gar keinen Fernseher mehr in meinem Haushalt. Fuck die Unterhaltungsindustrie, die virtuelle Welt der Massenmedien, deren Problem qualitativen Nachwuchses jenes der politischen Parteien und Interessensvertretungen noch harmlos erscheinen lässt.

Neda“ sehe ich auf dem youtube-Kanal eines iranischen Benutzers sterben. Da steht der Zuseherzähler noch auf knapp über 200. Ein paar Stunden später ist das Video von diesem iranischen Account gelöscht. Benutzerrichtlinienverletzungen schreibt Youtube. Aber da ist das Handycam-Video schon auf mehreren anderen englisch-sprachigen Accounts gespiegelt und ich habe „Neda“ Sterben auch noch aus anderer Handycamperspektive via Facebookvideo gesehen.
Noch einige Stunden, und CNN wird das Video im TV bringen, etwas entschärft. Es war Zufall, dass ich es seit Stunden kenne. Auf Twitter wird die Übertragung von CNN mit einem Triumphgeheul beantwortet, weil man als Crowd via Twitter CNN dazu bewegt habe. Ein Sieg für die Wahrheit.

Parallel beginnt der zunehmende Strom an Anklagen, warum Obama schweige, warum die USA nicht eingreife, warum den die immer so siegreiche U.S.Army nicht schon im Iran für demokratische Ordnung sorge. Obama wird Mörder genannt, Amis entschuldigen sich für ihr Land und bekennen, dass man in den USA offensichtlich keine Führung habe. Die Dynamik des schnellen web2.0 lässt diese Stimmung in minutensprüngen intensiver werden und binnen Stunden ein faszinierendes Maß des Ausdrucks emotional gestresseter Idiotie erreichen.

Ich bekomme das alles über twazzup mit. Es ist beeindruckend. Die stupiden RT’erInnen sind bald von neuen Meldungen zu trennen. Die Störenfriede und TrittbrettfahrerInnen leicht ausgesiebt. Gewissheit gibt es deswegen auch keine. Die gab es freilich nie. Alles andere ist eine Illusion der Massenmedien, ihrer letzten Vertrauten und Fans, mit müdem Augenaufschlag zu quittieren. Die Nachrichtenredaktionen von CNN abwärts haben ihre Qualitäten. Ich schätze sie auch, aber sie überschätzen sich. Mensch muss immer noch ihre virtuelle Welt durch eigene Arbeit von dem Schmalz der auftragsmäßigen Epenmalerei freischälen.

Wie mittendrin statt live dabei ist eine twazzuped rebellion?
Die emotionale Distanz ist schmerzhaft. Sie trennt mich gleichermaßen von dem, was und wer ich mit 17 Jahren war, als auch mit vielen, den meisten tweets, facebook-Einträgen etc.
Mit 17 wollte mein ganzes Ich nach Peking. Sofort. Ich wollte helfen, klar, auch dabei sein, aber eigentlich helfen. Das lese ich dieser Tage nun wieder in hundert, in tausend Variationen. Plus der Hilfeschreie, warum wir denn nicht da wären, um zu helfen. Meine Fresse, du naives Ding, glaubst Du echt, nur Ihr sterbt da gerade, werdet unterdrückt, geschlagen und kämpft mit wenig Aussicht auf Erfolg für eine bessere Welt?

Nein, das denkst Du natürlich nicht. Deine Gedanken sind nicht bei den anderen Unterdrückten, ungerecht missbrauchten, jetzt gerade Sterbenden und Ermordeten. Deine Gedanken sind nicht bei den anderen, so wie „unsere“ bei Dir sind. Aber Du sitzt auch nicht in Wien am Laptop mit Docking-Station und Wlan. Oder in irgendeinem Kaff in Europa oder den USA. Du hast wirklich Angst. Du hast vielleicht auch diffuse, aber konkrete Ängste.
Deine Gesellschaft wird gerade traumatisiert, nach ein paar Tagen mittelruhigen Status Quo jetzt wohl gezielt mit brutalem und bewusst exemplarischen Massenmord traumatisiert auf zwei, drei weitere Generationen hinaus.

Du wirst gerade zur MittäterIn gemacht, weil Du damit umgehen wirst müssen (, wenn es Dich nicht kapput macht), in den nächsten Jahrzehnten in dieser Gesellschaft zu leben. Du wirst verdrängen müssen und nicht vergessen können, und Du wirst dem Selbstvorwurf, überlebt zu haben und nicht zerhackt worden zu sein, letzlich mit Verdrängung beantworten müssen. Du wirst das Regime und die Gesellschaft irgendwann irgendwo irgendwie verteidigen, weil diese Verteidigung der Gesellschaft, in der Du lebst, Dir eine psychologische Notwendigkeit zur Rechtfertigung Deines Überlebens sein wird, wo doch Deine Brüder und Schwestern ermordet wurden. Du wirst Dich immer schuldig fühlen, so wie die überlebenden Juden, so wie die Überlebenden der Generation vom Tian’anmen.

Toter vom Baharestan Platz

Toter vom Baharestan Platz (Bild aus diesem Bericht)

Aber Du bist vereint. Nicht nur Du wirst Dich schuldig fühlen, da Du nicht helfen konntest und nicht sterben durftest, auch die Täter werden durch ihre Tat für immer an diesen Moment gebunden sein. Sie werden auch verdrängen müssen. Ihr werdet in der gleichen Gesellschaft älter werden. Verbunden durch die Erinnerung an etwas, was eure Gesellschaft definieren und von ihr tabuisiert werden wird.

Ihr seid jetzt schon Verbündete, nein nicht freiwillig, nicht wissentlich, nur dass jene, die das Befohlen haben, das jetzt schon wissen und in ihren Kalkulationen einbezogen.

Was heißt hier ‚unimaginable horror‘?
Die Herrschaft des Totalitarismus hat (nur) wieder einmal ihre Fratze gezeigt, die Larve abgestreift und gezeigt, was ihre Mittel, Instrumente, Möglichkeiten sind, wenn sie sich angegriffen fühlt. Das macht es nicht weniger verabscheuenswürdig und unverzeichlich. Die Herrschaft des Totalitarismus hat ihre Krüppel herangezogen, gehortet und hat sie jetzt tatsächlich brauchen können. Sie hat die geschädigten, aufgehetzten Zukurzgekommen mit den Skrupellosen und den von ihrer Pflichtversessenheit Aufgesogenen zusammen in Gesichtslose Larven gesteckt und ihnen einen Feind gegeben, an dem ein Exempel zu statuieren sei.
Das Exempel diene der Aufrechterhaltung der Ordnung. Der Aufrechterhaltung nicht irgendeiner Ordnung, sondern der, der Gesellschaft. Es ginge um das Wohl, um die Zukunft, um die Gesundheit der Gesellschaft. Das Exempel sei so zu vollziehen, dass es als eine saubere Operation betrachtet werden könne, dass keine weiteren Krankheitsherde mehr zurück blieben.
Die Axt als Skalpel sei hier angebracht. Die Menschheit hat Übung, oder sagen wir wenigstens, Erfahrung darin.

httpv://www.youtube.com/watch?v=mEtVRgZ3Szw

Ich erspare mir die Bezüge zu Österreich, zum Mob gar nicht so entfernter Tage (die Traumatisierten aller Seiten leben noch) und zum Mob dieser Tage. Vor allem erspare ich mir den Bezug zu den totalitär geherrscht Habenden der gar nicht so entfernten Tage und zu den totalitär herrschen Wollenden dieser Tage.
Wer hier, ‚das kann man aber wohl nicht vergleichen schreit‚, denen ist so oder so kaum zu helfen. Schon gar nicht in einem BlogPost öffentlich privater Trauerarbeit.

In meiner Lebensspanne gehen sich noch zwei, drei und vielleicht viel Baharestan oder Tian’anmen Plätze aus. Und das Phänomen ist keines meiner Lebensspanne. Was heißt also schon „unglaublich“ und „unvorstellbar“ als Adjektiv vor dem substantiven Horror? Heißt es, dass wir nicht glauben wollen, dass wir es uns nicht vorstellen wollen? Oder heißt es, dass wir nicht glauben und uns nicht vorstellen können, was hier passiert?

Es ist krank“ … reicht nicht
Das erinnert mich an eine traurige Erfahrung, an die ich mich aus anderen Gründen schon vor wenigen Wochen zurück erinnert habe: die Wochen und Monate nach 9/11. Damals war ich noch regelmäßiger und intensiver fm4-Hörer und v.a. -Leser. Fm4-Homepage that is.
Nach dem Kollaps der Türme setzte mit geringer Pause umgehend eine kollektive Bewertung des Geschehenen ein. Die Artikel erklärten uns das Entsetzen und sie erklärten uns das Entsetzen als gerechtfertigt. Und dann erklärten sie uns das Entsetzen als einzige gerechtfertigte Reaktion und Umgangsform. Sie erklärten uns, dass wir alle Amerikaner seine, und scheiß auf den Konjunktiv, waren. Der wahre Kern wurde hinfällig, als jegliche Abweichung von dieser Position zur Widerwärtigkeit im Angesicht der Katastrophe ernannt wurde.

Die Attentäter hatten nicht nur krank zu sein, sie mussten über Monate hinweg nur und ausschließlich krank sein. Wer nicht ausreichend entsetzt oder wer nicht ausreichend verwundert war, war verdächtig. Das hieß in des Blumenau’s Welt auch schon schuldig. Da war kein Platz für fm4-HörerInnen und -LeserInnen, die ebenso mit Joseph Conrad wie mit den Marvel Comics aufgewachsen waren, deren imaginäre Welt ebenso aus dem Karakorum wie aus dem Mittelwesten bereichert wurde, die gleichermaßen mit Rodney King wie mit Andrei Sacharow etwas anfangen konnten und die vielleicht weniger mit der Popkulturgeschichte vertraut als in der Geschichte Chorasans bewandert waren.

Ich bin nun doppelt schuldig, doppelt widerlich. Mir hat nicht nur die Euphorie grüngetünchten der support-freedom-in-iran-communities einen Stich versetzt, der mich an meine Euphorie angesichts des Frühlings am Tian’anmen erinnert hat, und an meine dümmlichen Anwandlungen als 17jähriger dort hinfliegen und helfen zu wollen. Was helfen? Ich hätte schon den Weg von einem Flughafen zum Tian’anmen ohne Hilfe nicht geschafft.
Jetzt ist es auch noch so, dass ich mich bereits über unser aller, nicht einmal noch bewiesene Reaktion mißmutig äußere.
Weit hergeholt ist es freilich auch nicht, dass wir zu Cola, Grünen Vorwahlen, Tatort und tagespolitischer Unterhaltungsindustrie zurückkehren werden. Ist kaum weit hergeholt, weil ja auch kaum jemand hochgeblickt hat von der tagespolitischen industriellen Unterhaltungsmaschinerie, von Sushi, Cola, Grünen Vorwahlen-Empörung und twitter-Selbstreferenz.

Einen Unterschied machen
Nope, das ist nicht mal eine abgeklärte Weisheit, dass sich die Welt weiterdreht, dass gut essen, schlafen und ficken immer noch das wichtigste im Leben ist. Es ist einfach und tatsächlich so. Der Widerspruch zu den Ereignissen am Baharestan und zum eigenen, hoffentlich guten Leben ist ein scheinbarer. Er lebt vom ‚nicht-glauben-wollen‚, dass die Welt so oder so so ist und immer so war, immer so bleiben wird. Wenn wir nicht glauben wollen, was alle 20 Jahre drastisch über unleugbare Ereignisse bewiesen wird, dann kommt uns das ungeheuerlich vor. Als müsste die Welt stehen bleiben. Als müssten wir das anhalten können. Als müssten der U.S. Präsident doch jetzt bitte einschreiten und alles wieder gut machen. Schmecks, die Welt ist nicht gut. Genauso wenig wie schlecht.

Diese Woche streiten tausende IT-lerInnen für gut 600 Arbeitsplätze, weil der Firmenteil der Siemens schon seit Jahren geschröpft wird und auch jetzt die Milliardengewinne das Verständnis erschweren, warum mehr als 600 MitarbeiterInnen abgebaut werden müssen. Wen kratzt das? Deutlich weniger Menschen als das peinliche und ebenso arrogante wie verlogene Bierverbot im Muqua.

Woche für Woche müssen Menschen Österreich verlassen, inklusive der Existenz, die sie sich hier aufgebaut haben, inklusive der Freunde, die sie hier gewonnen haben. Ganze Gemeinden, die ihre Abschiebung verhindern wollen, weil sie die Abzuschiebenden als die Ihren ansehen. Woche für Woche werden Menschen abgeschoben, von denen uns die Massenmedien freilich nicht erzählen, wie es ihnen im fremden Land ergeht, in das sie zurück abgeschoben wurden. Ob sie dort auskommen, nicht auskommen, eingesperrt werden, zu Tode kommen.

Jahr für Jahr werden die mehr, die arbeiten aber nicht auskommen. Es werden die mehr, die sich für Leistungsträger halten, immer weniger für das Gemeinwohl beitragen, sich aber ernsthaft als Opfer einer rigiden Gesellschaft betrachten und Rechte einfordern. Ihnen fällt gar nicht auf, dass sie nicht die Schwachen in der Gesellschaft sind, sondern die Kaiser; dass der Umstand, dass ihnen die Medien aus der Hand fressen, dass allein das ein Indiz dafür sein könnte, dass sie unverhältnismäßig viele Rechte haben. Was hat diese Ungerechtigkeit hier mit jener dort zu tun? Was hat unser Wohlstand mit den Entwicklungsländern zu tun? Was hat unser Handy mit der Überwachungtechnologie im Iran zu tun? Was der Arbeitskampf der Angestellten bei Siemens mit der Wirtschaftskrise und dem Umstand zu tun, dass wir alle gemeinsam Wahlgang für Wahlgang noch unverhohlenere DiletanttInnen wählen und die Verantwortung für jegliche Misere immer unverhohlener auf stereotype Sündenböcke schieben?

Der Spiegel von Baharestan kann uns wenig über den Iran sagen. Wir könnten höchstens viel über unsere Gesellschaft, Situation, Lage und uns als Personen erfahren.
Wird freilich anders kommen. Die Definition der Bedeutung von Baharestan wird eindeutig sein, die Emotionen werden tief greifen, die nicht angebrachten werden zurückgewiesen, die Reflektion auf die eigene Befindlichkeit und Gesellschaftssituation werden die Kommentatoren aber im Angesicht der Ereignisse zurückstellen und erst wieder für die wichtigen Ereignisse wie web2.o-Initiativen, kärntner Fürze und Kronen Zeitung Leserbriefe auspacken.
Ich bitte um Entschuldigung, aber dies ist sowieso ein privates Blog, Psychohygiene ist eine Hype-Veranstaltung und ich bin müde, habe an der einheimischen Droge geschlürft und nie behauptet, dass ich gesund wäre.

Oh, und damit das nicht ungesagt bleibt, natürlich kann jeder von uns einen Unterschied machen.

Anhang I:
Die hoffentlich nicht letzten tweets von @persiankiwi, einem jener live und via Mobilephone aus dem Iran Berichtenden, dessen Tweets verifiziert werden konnten und für authentisch zu nehmen sind. Bevor ich heute abend weg gegangen bin, hatte @persiankiwi gerade begonnen, ziemlich beunruhigende und sehr gerne als übertrieben empfundene tweets abzusetzen.

Nachdem ich wieder nach hause gekommen bin, sich die Berichte von einem „Massaker“ zu verdichten begonnen haben, habe ich aktuelle tweets von @persiankiwi vermisst. Das muss noch nichts heißen, Zeitverschiebung und so. Andere machen sich aber offensichtlich auch Gedanken und Sorgen. Von dieser Aufstellung hier hereinkopiert, chronologisch die letzten Meldungen vom 24. Juni 2009, der möglicherweise als  Tag der Baharestan Ereignisse in Geschichtsbücher eingehen wird:

  • just in from Baharestan Sq – situation today is terrible – they beat the ppls like animals –
  • I see many ppl with broken arms/legs/heads – blood everywhere – pepper gas like war –
  • they were waiting for us – they all have guns and riot uniforms – it was like a mouse trap – ppl being shot like animals
  • saw 7/8 militia beating one woman with baton on ground – she had no defense nothing – #Iranelection sure that she is dead
  • so many ppl arrested – young & old – they take ppl away –
  • ppl run into alleys and militia standing there waiting – from 2 sides they attack ppl in middle of alleys
  • all shops was closed – nowhere to go – they follow ppls with helicopters – smoke and fire is everywhere
  • phone line was cut and we lost internet – #Iranelection – getting more difficult to log into net –
  • rumour they are tracking high use of phone lines to find internet users – must move from here now – #Iranelection
  • reports of street fighting in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq – now – #Iranelection – Sea of Green – Allah Akbar
  • in Baharestan we saw militia with axe choping ppl like meat – blood everywhere – like butcher – Allah Akbar –
  • they catch ppl with mobile – so many killed today – so many injured – Allah Akbar – they take one of us
  • they pull away the dead into trucks – like factory – no human can do this – we beg Allah for save us –
  • Everybody is under arrest & cant move – Mousavi – Karroubi even rumour Khatami is in house guard
  • we must go – dont know when we can get internet – they take 1 of us, they will torture and get names – now we must move fast –
  • thank you ppls 4 supporting Sea of Green – pls remember always our martyrs – Allah Akbar – Allah Akbar – Allah Akbar
  • Allah – you are the creator of all and all must return to you – Allah Akbar –

[Update: die taz hat einen informativen Artikel zu @persiankiwi veröffentlicht.]

Anhang II:
Andrea Maria Dusls Eintrag zu Baharestan, auch sonst weitere Infos, Berichte, Links bei der Comandantina Dusilova.

Anhang III:

Die taz am 30.6. zu einem kolportierten Lebenszeichen von @persianwiki, dem Baharestan Ereignissen und mehr.

3 Kommentare zu “Baharestan Platz, Teheran”

  1. philipp meier

    bin dank dem hinweis von sms hier gelandet. aufschlussreiche gedankengänge…

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  2. /sms ;-)

    als euer altes väterchen, möchte ich euch noch darauf hinweisen, dass es den freudigen begriff der „Übertragung“ (wikipedia: Übertragung) gibt … das ist, was mir am artikel vom kellerabteil so gut gefällt. weil er/DU! so der eigenen sicht auf die schichten der eigenen geschichte nachgehst. und damit erahnbar machst, welche vermengungen und vermischungen bei all den vielen, schnellen übertragungen sich da einen denk- und fühlraum in dir erschliessen…

    meine profile habe ich (natürlich) auch grün eingefärbt. aber: „wo bleibt eigentlich MEINE stimme?“ nein: nicht dort im iran! in jenem gebiet, wo uns schon seit ewigen zeiten die schönsten fantasien durchgehen … annemarie schwarzenbach: «Diese fernen Gegenden sind genau gemacht um uns zittern zu lassen vor allem, was man nur ahnt und etwas einem doch angeht.» nein: ich meine: hier. bei uns! hier&jetzt!

    wäre das eine erklärung, warum wir so anteil nehmen am iran? weil wir eine übertragung machen? dort sehen, was wir bei uns nicht getrauen für wahr zu nehmen?

    im übrigen: ich fände es auch gar nicht so sümpatisch, mich in die hy*storischen huch!befreiungsaktionen aus dem westen im iran zu beteiligen: http://de.wikipedia.org/wiki/Iranische_Revolution 😉

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  3. farolito

    Wirklich beeindruckender Artikel, wir dürften ungefähr eine Generation sein, somit kann ich viel vom geschriebenen nachvollziehen. Sachlich, wie emotional.

    lG
    farolito

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