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	<title>kellerabteil 2.0 &#187; Grüne Vorwahlen</title>
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	<description>notizen gegen die unaufhaltbarkeit des bewusstseinsstroms</description>
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		<title>Baharestan Platz, Teheran</title>
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		<pubDate>Thu, 25 Jun 2009 02:08:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>hc voigt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Das Tian’anmen-Massaker liegt 20 Jahre zurück, zwei Jahrzehnte und ein paar Tage. Eine Generation. Einmal Mündigkeit, Abschluss der Schulbildung, Wehrpflicht. Einmal, in vielen Weltgegenden immer noch die Regel, vor nicht allzuvielen Jahrzehnten sowieso selbstverständlich: einmal von Geburt bis zur Elternschaft. Die Bilder von Tian’anmen sind nicht vergessen. Sickert jetzt die Gewißheit ein, dass es sich gerade [...]
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tian’anmen-Massaker" target="_blank" class="broken_link">Tian’anmen-Massaker</a> liegt 20 Jahre zurück, zwei Jahrzehnte und ein paar Tage. Eine Generation. Einmal Mündigkeit, Abschluss der Schulbildung, Wehrpflicht. Einmal, in vielen Weltgegenden immer noch die Regel, vor nicht allzuvielen Jahrzehnten sowieso selbstverständlich: einmal von Geburt bis zur Elternschaft.<br />
Die Bilder von Tian’anmen sind nicht vergessen.<br />
<em>Sickert jetzt die Gewißheit ein, dass es sich gerade wiederholt hat?</em> <a href="http://iran.whyweprotest.net/news-current-events/2327-green-brief-8-a.html#post18505" target="_blank" class="broken_link">→</a><sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/06/baharestan-platz-teheran/#footnote_0_945" id="identifier_0_945" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="ein Nachtrag: siehe dazu, dh. dazu, was am Folgetag als halbwegs &uuml;berpr&uuml;fbar verifiziert werden konnte die Analyse von NiteOwl.">1</a></sup></p>
<p>Im Juni 1989 war ich 17, übergewichtig, Außenseiter in der Sportklasse, wenigstens nicht mehr so im Eck, dass ich die Arschkarte gehabt hätte; aber halt Einzelgänger, unangenehm belesen, freilich null Ahnung in Popkultur, peinlich gewandet, aber Hauptsache mit ein wenig Weltliteratur vertraut, den Anderen ein Horror im Stadt-Land-Spiel, wenn s hoch kommt 3x mal nem Mädel selbst zusammen gestellte Musikkassetten geschenkt, ernsthaft geglaubt, Hippies waren intelligente philosophische Rebellen, meinen Vater verachtet, meine Mutter gehaßt und nicht gemerkt, dass ich sie verehre und es unerwiderte Liebe war, in Globalgeschichte weit über die eurozentristische Schreibung hinaus bewandert und die GymnasiallehrerInnen für fast jedes Fach außer Deutsch und Physik auslachend.<br />
Den Weltschmerz hatte ich schon seit einigen Jahren jongliert, und in der Haltung des Kapitäns von Siegfried Lenz&#8217; Feuerschiff hatte ich eine Position gefunden. Dass überall auf dem Planeten Menschen unterdrückt, gequält und ermordet wurden, <em>nämlich laufend</em>, das war mir bewusst. Und <em>laufend </em>hieß, nämlich auch unabhängig von gerade aktuellen, aber in meiner Jugend (und meiner Erinnerung) sowieso fast alltäglichen Bilder und Berichten von Putschen und Konterputschen in Afrika oder Lateinamerika.</p>
<p><span id="more-945"></span><strong>Vor dem Ende der Geschichte</strong><br />
Ich bin aufgewachsen mit den Bildern der Militärparaden am Roten Platz, mit Filmen wie &#8216;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tag_danach" target="_blank" class="broken_link">Der Tag danach</a>&#8216;, mit dem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Golfkrieg" target="_blank" class="broken_link">Alltag des Golfkrieges</a> und seinen Bildern vom Gaskrieg aus dem Shat El&#8217;Arab, mit der visuellen Omnipräsenz der Nuklearsprengkörper bestückten Langstreckenraketen in Zeit-im-Bild-Sendungen und mit dem Bewusstsein, dass in den lateinamerikanischen Diktaturen RegimekritikerInnen einfach verschwanden und entweder nach Jahren für Tod erklärt wurden oder Jahre später Fotos auftauchten, die ihren Tod bald nach dem Verschwinden bezeugten.<br />
Und ich bin mit nur zwei Fernsehsendern aufgewachsen, die noch dazu über viele Stunden des Tages Schneegestöber zeigten und von denen einer nur dann vor 9.00 sendete, wenn<a href="http://www.youtube.com/watch?v=TZHIo5ylQA8" target="_blank"> Marvin &#8220;the marvelous&#8221; Hagler</a> boxte, die nach 18.oo kein Kinder- oder Jugendprogramm mehr hatten (von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_Stöckl" target="_blank" class="broken_link">OKAY </a>am Sonntag und von Sport am Montag abgesehen), und die amerikanische, französische und italienische Spionage-Filme mit einer Plot- und Dialogkomplexität zeigten, die heute von höchstens nur mehr von FilmwissenschaftlerInnen analysiert werden. Ich bin mit den einzig erträglichen Sendungen &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Guglhupf" target="_blank" class="broken_link">Guglhupf</a>&#8221; (<em>wird eben eingestellt</em>) und &#8220;<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Musicbox" target="_blank" class="broken_link">Musicbox</a>&#8221; (<em>hab ich damals meistens nicht verstanden</em>) im Radio aufgewachsen, in einer Stadt, deren nächste München war, welche wiederum maximal die Spider Murphy Gang gegen den Austro-Pop setzen konnte.<br />
Alles in allem: kalter Krieg.</p>
<p><strong>Der Tian’anmen-Platz</strong><br />
Es ist aus der Distanz nicht einsichtig, warum Tian’anmen in meiner Erinnerung eine hervorragende Stellung einnimmt. Monate später, die Bilder von den unbekannten, höflich-gefasst sich freuenden Menschen, die da am Zaun auftauchten, diese Bilder waren nicht weniger bewegend. Auf der Landkarte in meinem Kopf waren sie in gebrechlichen Kisten durch dieses im Fernsehen immer rot hinter der fetten schwarzen Linie gezeichnete Terrain gefahren, hatten sich als Ungarntouristen innerhalb ihrer Ostblockwelt abgeseilt, ihre Wohnungen und bisherigen Leben zurückgelassen und zuckelten dann schüchtern durch einen frisch aufgeschnitten Stacheldraht.<br />
Etwas später viel die Mauer, viel lauter, heller, greller. Natürlich liefen mir auch da wieder, ebenso wie allen anderen, die Tränen herunter, bei den Bildern der fassungslos durch Brandenburger Tor Strömenden wie sie den fassungslos am Kurfürstendamm Spazierenden in die Arme fallen.</p>
<p>In Moskau wiederholten sich dann, in meinem Kopf traumatisch, aber mit anderem Ergebnis, die Bilder von sich vor Panzer legenden Menschen.<br />
Überhaupt fällt mir auf, dass meine Jugend mit medialen Bildern von vollkommen selbstverständlichen Panzern markiert ist, die dann irgendwann wie spurlos verschwanden.</p>
<p>Tian’anmen war anders. Tian’anmen war anders als Südafrika, anders als die Falklands, anders als El Salvador, anders als Bukarest, als Vietnam, das Nasser-Attentat, Ghandi, die Flugzeugentführungen, die Geiselnahmen, die RAF und die Roten Brigaden, Uganda, die Killing Fields, Chile oder Argentinien, Nicaragua.</p>
<p>Tian’anmen war ungeheuerlich. Tian’anmen war kein Satellitenstaat sondern China, die alte Kulturnation, das rote China, vor dem sich sogar die Sowjets fürchteten. Tian’anmen war kein Putsch, keine ungeklärte politische Situation, keine Protest von hilflosen Verzweifelten, denen man à la longe keine Chance gab, keine Guerillaaktion von Widerständlern, die gegen Gewalt Gegengewalt setzten.<br />
Tian’anmen war die Ahnung von einer Weiche in der Universalgeschichte. Tian’anmen war kein Spielfeld, auf dem schließlich die Systemgegner ihre Marionetten es ausfechten lassen würden. Tian’anmen war ein Erdbeben, das die Welt meiner Generation erbeben ließ; bzw. zumindest meine. Tian’anmen war <em>eine andere Welt ist möglich</em>, bevor ich den Spruch gehört hatte oder auch nur denken hätte können.</p>
<p>Junge Menschen gegen ein altes Regime, das plötzlich wie ein Auslaufmodell der Geschichte wirkt.</p>
<p><strong>Neda, twazzup, der immunisierende flash-back</strong><br />
Bald nach den ersten Bildern aus dem Iran war Tian’anmen wieder da. Bald nach den ersten Bildern aus dem Iran war der Schmerz, das Ohnmachtsgefühl, das Bewusstsein der eigenen Lächerlichkeit wieder da. Natürlich geht da mit den ersten Bildern aus dem Iran auch die Hoffnung einher, dass es anders als am Tian’anmen enden möge. Aber die Hoffnung ist kein vibrierendes Sehnen, nicht das Bitte-Bitte-Lass-es-gut-ausgehen Hoffen, es ist bar der emotionalen Vorauszahlungen auf ein Happy-End. Es ist abgeklärt, fucking realistisch abgeklärt. Wenn, dann ist es prophylaktisch nüchtern kalkulierend: ja, es kann eine friedliche Revolution werden, wahrscheinlicher ist &#8230;</p>
<p>Die Bilder aus dem Iran kamen diesmal nicht via Fernseher, nicht via ZiB. Gäbe gar keinen Fernseher mehr in meinem Haushalt. Fuck die Unterhaltungsindustrie, die virtuelle Welt der Massenmedien, deren Problem qualitativen Nachwuchses jenes der politischen Parteien und Interessensvertretungen noch harmlos erscheinen lässt.</p>
<p>&#8220;<em>Neda</em>&#8221; sehe ich auf dem youtube-Kanal eines iranischen Benutzers sterben. Da steht der Zuseherzähler noch auf knapp über 200. Ein paar Stunden später ist das Video von diesem iranischen Account gelöscht. Benutzerrichtlinienverletzungen schreibt Youtube. Aber da ist das Handycam-Video schon auf mehreren anderen englisch-sprachigen Accounts gespiegelt und ich habe &#8220;Neda&#8221; Sterben auch noch aus anderer Handycamperspektive via Facebookvideo gesehen.<br />
Noch einige Stunden, und CNN wird das Video im TV bringen, etwas entschärft. Es war Zufall, dass ich es seit Stunden kenne. Auf Twitter wird die Übertragung von CNN mit einem Triumphgeheul beantwortet, weil man als Crowd via Twitter CNN dazu bewegt habe. Ein Sieg für die Wahrheit.</p>
<p>Parallel beginnt der zunehmende Strom an Anklagen, warum Obama schweige, warum die USA nicht eingreife, warum den die immer so siegreiche U.S.Army nicht schon im Iran für demokratische Ordnung sorge. Obama wird Mörder genannt, Amis entschuldigen sich für ihr Land und bekennen, dass man in den USA offensichtlich keine Führung habe. Die Dynamik des schnellen web2.0 lässt diese Stimmung in minutensprüngen intensiver werden und binnen Stunden ein faszinierendes Maß des Ausdrucks emotional gestresseter Idiotie erreichen.</p>
<p>Ich bekomme das alles über <strong><a href="http://www.twazzup.com/search?q=%23iranelection&amp;l=all" target="_blank" class="broken_link">twazzup</a></strong> mit. Es ist beeindruckend. Die stupiden RT&#8217;erInnen sind bald von neuen Meldungen zu trennen. Die Störenfriede und TrittbrettfahrerInnen leicht ausgesiebt. Gewissheit gibt es deswegen auch keine. Die gab es freilich nie. Alles andere ist eine Illusion der Massenmedien, ihrer letzten Vertrauten und Fans, mit müdem Augenaufschlag zu quittieren. Die Nachrichtenredaktionen von CNN abwärts haben ihre Qualitäten. Ich schätze sie auch, aber sie überschätzen sich. Mensch muss immer noch ihre virtuelle Welt durch eigene Arbeit von dem Schmalz der auftragsmäßigen Epenmalerei freischälen.</p>
<p><strong>Wie mittendrin statt live dabei ist eine <em>twazzuped rebellion</em>?</strong><br />
Die emotionale Distanz ist schmerzhaft. Sie trennt mich gleichermaßen von dem, was und wer ich mit 17 Jahren war, als auch mit vielen, den meisten tweets, facebook-Einträgen etc.<br />
Mit 17 wollte mein ganzes Ich nach Peking. Sofort. Ich wollte helfen, klar, auch dabei sein, aber eigentlich helfen. Das lese ich dieser Tage nun wieder in hundert, in tausend Variationen. Plus der Hilfeschreie, warum wir denn nicht da wären, um zu helfen. Meine Fresse, du naives Ding, glaubst Du echt, nur Ihr sterbt da gerade, werdet unterdrückt, geschlagen und kämpft mit wenig Aussicht auf Erfolg für eine bessere Welt?</p>
<p>Nein, das denkst Du natürlich nicht. Deine Gedanken sind nicht bei den anderen Unterdrückten, ungerecht missbrauchten, jetzt gerade Sterbenden und Ermordeten. Deine Gedanken sind nicht bei den anderen, so wie &#8220;unsere&#8221; bei Dir sind. Aber Du sitzt auch nicht in Wien am Laptop mit Docking-Station und Wlan. Oder in irgendeinem Kaff in Europa oder den USA. Du hast wirklich Angst. Du hast vielleicht auch diffuse, aber konkrete Ängste.<br />
<em> Deine </em>Gesellschaft wird gerade traumatisiert, nach ein paar Tagen mittelruhigen Status Quo jetzt wohl gezielt mit brutalem und bewusst exemplarischen Massenmord traumatisiert auf zwei, drei weitere Generationen hinaus.</p>
<p>Du<em> </em>wirst gerade zur MittäterIn gemacht, weil <em>Du</em> damit umgehen wirst müssen (, wenn es Dich nicht kapput macht), in den nächsten Jahrzehnten in dieser Gesellschaft zu leben. Du wirst verdrängen müssen und nicht vergessen können, und Du wirst dem Selbstvorwurf, überlebt zu haben und nicht zerhackt worden zu sein, letzlich mit Verdrängung beantworten müssen. Du wirst das Regime und die Gesellschaft irgendwann irgendwo irgendwie verteidigen, weil diese Verteidigung der Gesellschaft, in der Du lebst, Dir eine psychologische Notwendigkeit zur Rechtfertigung Deines Überlebens sein wird, wo doch <em>Deine </em>Brüder und Schwestern ermordet wurden. <em>Du </em>wirst Dich immer schuldig fühlen, so wie die überlebenden Juden, so wie die Überlebenden der Generation vom Tian’anmen.</p>
<div class="wp-caption aligncenter" style="width: 490px"><img class=" " title="Toter vom BaharestanPlatz" src="/images/axe-wound.jpg" alt="Toter vom Baharestan Platz" width="480" height="360" /><p class="wp-caption-text">Toter vom Baharestan Platz (Bild aus diesem Bericht)</p></div>
<p>Aber Du bist vereint. Nicht nur Du wirst Dich schuldig fühlen, da Du nicht helfen konntest und nicht sterben durftest, auch die Täter werden durch ihre Tat für immer an diesen Moment gebunden sein. Sie werden auch verdrängen müssen. Ihr werdet in der gleichen Gesellschaft älter werden. Verbunden durch die Erinnerung an etwas, was eure Gesellschaft definieren und von ihr tabuisiert werden wird.</p>
<p>Ihr seid jetzt schon Verbündete, nein nicht freiwillig, nicht wissentlich, nur dass jene, die das Befohlen haben, das jetzt schon wissen und in ihren Kalkulationen einbezogen.</p>
<p><strong>Was heißt hier &#8216;unimaginable horror&#8217;?</strong><br />
Die Herrschaft des Totalitarismus hat (nur) wieder einmal ihre Fratze gezeigt, die Larve abgestreift und gezeigt, was ihre Mittel, Instrumente, Möglichkeiten sind, wenn sie sich angegriffen fühlt. Das macht es nicht weniger verabscheuenswürdig und unverzeichlich. Die Herrschaft des Totalitarismus hat ihre Krüppel herangezogen, gehortet und hat sie jetzt tatsächlich brauchen können. Sie hat die geschädigten, aufgehetzten Zukurzgekommen mit den Skrupellosen und den von ihrer Pflichtversessenheit Aufgesogenen zusammen in Gesichtslose Larven gesteckt und ihnen einen Feind gegeben, an dem ein Exempel zu statuieren sei.<br />
Das Exempel diene der Aufrechterhaltung der Ordnung. Der Aufrechterhaltung nicht irgendeiner Ordnung, sondern der, der Gesellschaft. Es ginge um das Wohl, um die Zukunft, um die Gesundheit der Gesellschaft. Das Exempel sei so zu vollziehen, dass es als eine saubere Operation betrachtet werden könne, dass keine weiteren Krankheitsherde mehr zurück blieben.<br />
Die Axt als Skalpel sei hier angebracht. Die Menschheit hat Übung, oder sagen wir wenigstens, Erfahrung darin.</p>
<p style="text-align: center;">
<p><a href="http://www.youtube.com/watch?v=mEtVRgZ3Szw">www.youtube.com/watch?v=mEtVRgZ3Szw</a></p>
</p>
<p style="text-align: left;">Ich erspare mir die Bezüge zu Österreich, zum Mob gar nicht so entfernter Tage (die Traumatisierten aller Seiten leben noch) und zum Mob dieser Tage. Vor allem erspare ich mir den Bezug zu den totalitär geherrscht Habenden der gar nicht so entfernten Tage und zu den totalitär herrschen Wollenden dieser Tage.<br />
Wer hier, &#8216;<em>das kann man aber wohl nicht vergleichen schreit</em>&#8216;, denen ist so oder so kaum zu helfen. Schon gar nicht in einem BlogPost öffentlich privater Trauerarbeit.</p>
<p style="text-align: left;">In meiner Lebensspanne gehen sich noch zwei, drei und vielleicht viel Baharestan oder Tian’anmen Plätze aus. Und das Phänomen ist keines meiner Lebensspanne. Was heißt also schon &#8220;unglaublich&#8221; und &#8220;unvorstellbar&#8221; als Adjektiv vor dem substantiven Horror? Heißt es, dass wir nicht glauben wollen, dass wir es uns nicht vorstellen wollen? Oder heißt es, dass wir nicht glauben und uns nicht vorstellen können, was hier passiert?</p>
<p style="text-align: left;"><strong>&#8220;</strong><strong>Es ist krank&#8221; &#8230; reicht nicht</strong><br />
Das erinnert mich an eine traurige Erfahrung, an die ich mich aus anderen Gründen schon vor wenigen Wochen zurück erinnert habe: die Wochen und Monate nach 9/11. Damals war ich noch regelmäßiger und intensiver fm4-Hörer und v.a. -Leser. Fm4-Homepage that is.<br />
Nach dem Kollaps der Türme setzte mit geringer Pause umgehend eine kollektive Bewertung des Geschehenen ein. Die Artikel erklärten uns das Entsetzen und sie erklärten uns das Entsetzen als gerechtfertigt. Und dann erklärten sie uns das Entsetzen als einzige gerechtfertigte Reaktion und Umgangsform. Sie erklärten uns, dass wir alle Amerikaner seine, und scheiß auf den Konjunktiv, waren. Der wahre Kern wurde hinfällig, als jegliche Abweichung von dieser Position zur Widerwärtigkeit im Angesicht der Katastrophe ernannt wurde.</p>
<p style="text-align: left;">Die Attentäter hatten nicht nur krank zu sein, sie mussten über Monate hinweg nur und ausschließlich krank sein. Wer nicht ausreichend entsetzt oder wer nicht ausreichend verwundert war, war verdächtig. Das hieß in des <a href="http://fm4.orf.at/blumenau" target="_blank">Blumenau&#8217;s Welt</a> auch schon schuldig. Da war kein Platz für fm4-HörerInnen und -LeserInnen, die ebenso mit Joseph Conrad wie mit den Marvel Comics aufgewachsen waren, deren imaginäre Welt ebenso aus dem Karakorum wie aus dem Mittelwesten bereichert wurde, die gleichermaßen mit Rodney King wie mit Andrei Sacharow etwas anfangen konnten und die vielleicht weniger mit der Popkulturgeschichte vertraut als in der Geschichte Chorasans bewandert waren.</p>
<p style="text-align: left;">Ich bin nun doppelt schuldig, doppelt widerlich. Mir hat nicht nur die Euphorie grüngetünchten der <em>support-freedom-in-iran-communities</em> einen Stich versetzt, der mich an meine Euphorie angesichts des Frühlings am Tian’anmen erinnert hat, und an meine dümmlichen Anwandlungen als 17jähriger dort hinfliegen und helfen zu wollen. Was helfen? Ich hätte schon den Weg von einem Flughafen zum Tian’anmen ohne Hilfe nicht geschafft.<br />
Jetzt ist es auch noch so, dass ich mich bereits über unser aller, nicht einmal noch bewiesene Reaktion mißmutig äußere.<br />
Weit hergeholt ist es freilich auch nicht, dass wir zu Cola, Grünen Vorwahlen, Tatort und tagespolitischer Unterhaltungsindustrie zurückkehren werden. Ist kaum weit hergeholt, weil ja auch kaum jemand hochgeblickt hat von der tagespolitischen industriellen Unterhaltungsmaschinerie, von Sushi, Cola, Grünen Vorwahlen-Empörung und twitter-Selbstreferenz.</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Einen Unterschied machen</strong><br />
Nope, das ist nicht mal eine abgeklärte Weisheit, dass sich die Welt weiterdreht, dass gut essen, schlafen und ficken immer noch das wichtigste im Leben ist. Es ist einfach und tatsächlich so. Der Widerspruch zu den Ereignissen am Baharestan und zum eigenen, hoffentlich guten Leben ist ein scheinbarer. Er lebt vom &#8216;<em>nicht-glauben-wollen</em>&#8216;, dass die Welt so oder so so ist und immer so war, immer so bleiben wird. Wenn wir nicht glauben wollen, was alle 20 Jahre drastisch über unleugbare Ereignisse bewiesen wird, dann kommt uns das ungeheuerlich vor. Als müsste die Welt stehen bleiben. Als müssten wir das anhalten können. Als müssten der U.S. Präsident doch jetzt bitte einschreiten und alles wieder gut machen. Schmecks, die Welt ist nicht gut. Genauso wenig wie schlecht.</p>
<p style="text-align: left;">Diese Woche streiten <a href="http://belvederegasse.wordpress.com/2009/06/23/solidaritat-mit-der-siemens-belegschaft/" target="_blank">tausende IT-lerInnen für gut 600 Arbeitsplätze</a>, weil der Firmenteil der Siemens schon seit Jahren geschröpft wird und auch jetzt die Milliardengewinne das Verständnis erschweren, warum mehr als 600 MitarbeiterInnen abgebaut werden müssen. Wen kratzt das? Deutlich weniger Menschen als das peinliche und ebenso arrogante wie verlogene Bierverbot im Muqua.</p>
<p style="text-align: left;">Woche für Woche müssen Menschen Österreich verlassen, inklusive der Existenz, die sie sich hier aufgebaut haben, inklusive der Freunde, die sie hier gewonnen haben. <a href="http://salzburg.orf.at/stories/367571/" target="_blank">Ganze Gemeinden, die ihre Abschiebung verhindern wollen</a>, weil sie die Abzuschiebenden als die Ihren ansehen. Woche für Woche werden Menschen abgeschoben, von denen uns die Massenmedien freilich nicht erzählen, wie es ihnen im fremden Land ergeht, in das sie <em>zurück</em> abgeschoben wurden. Ob sie dort auskommen, nicht auskommen, eingesperrt werden, zu Tode kommen.</p>
<p style="text-align: left;">Jahr für Jahr werden die mehr, die arbeiten aber nicht auskommen. Es werden die mehr, die sich für Leistungsträger halten, immer weniger für das Gemeinwohl beitragen, sich aber ernsthaft als Opfer einer rigiden Gesellschaft betrachten und Rechte einfordern. Ihnen fällt gar nicht auf, dass sie nicht die Schwachen in der Gesellschaft sind, sondern die Kaiser; dass der Umstand, dass ihnen die Medien aus der Hand fressen, dass allein das ein Indiz dafür sein könnte, dass sie unverhältnismäßig viele Rechte haben. Was hat diese Ungerechtigkeit hier mit jener dort zu tun? Was hat unser Wohlstand mit den Entwicklungsländern zu tun? Was hat <a href="http://futurezone.orf.at/stories/1607833/" target="_blank" class="broken_link">unser Handy mit der Überwachungtechnologie im Iran zu tun</a>? Was der Arbeitskampf der Angestellten bei Siemens mit der Wirtschaftskrise und dem Umstand zu tun, dass wir alle gemeinsam Wahlgang für Wahlgang noch unverhohlenere DiletanttInnen wählen und die Verantwortung für jegliche Misere immer unverhohlener auf stereotype Sündenböcke schieben?</p>
<p style="text-align: left;">Der Spiegel von Baharestan kann uns wenig über den Iran sagen. Wir könnten höchstens viel über unsere Gesellschaft, Situation, Lage und uns als Personen erfahren.<br />
Wird freilich anders kommen. Die Definition der Bedeutung von Baharestan wird eindeutig sein, die Emotionen werden tief greifen, die nicht angebrachten werden zurückgewiesen, die Reflektion auf die eigene Befindlichkeit und Gesellschaftssituation werden die Kommentatoren aber im Angesicht der Ereignisse zurückstellen und erst wieder für die wichtigen Ereignisse wie web2.o-Initiativen, kärntner Fürze und Kronen Zeitung Leserbriefe auspacken.<br />
Ich bitte um Entschuldigung, aber dies ist sowieso ein privates Blog, Psychohygiene ist eine Hype-Veranstaltung und ich bin müde, habe an der einheimischen Droge geschlürft und nie behauptet, dass ich gesund wäre.</p>
<p style="text-align: left;">Oh, und damit das nicht ungesagt bleibt, natürlich kann jeder von uns einen Unterschied machen.</p>
<p style="text-align: center;">&#8212;</p>
<p style="text-align: left;"><strong>Anhang I:</strong><br />
Die hoffentlich nicht letzten tweets von <a href="http://twitter.com/persiankiwi" target="_blank"><strong>@persiankiwi</strong></a>, einem jener live und via Mobilephone aus dem Iran Berichtenden, dessen Tweets verifiziert werden konnten und für authentisch zu nehmen sind. Bevor ich heute abend weg gegangen bin, hatte @persiankiwi gerade begonnen, ziemlich beunruhigende und sehr gerne als übertrieben empfundene tweets abzusetzen.</p>
<p style="text-align: left;">Nachdem ich wieder nach hause gekommen bin, sich die Berichte von einem &#8220;Massaker&#8221; zu verdichten begonnen haben, habe ich aktuelle tweets von @persiankiwi vermisst. Das muss noch nichts heißen, Zeitverschiebung und so. Andere machen sich aber offensichtlich auch Gedanken und Sorgen. Von <a href="http://aricmayer.blogspot.com/2009/06/turning-point-in-green-revolution.html" target="_blank" class="broken_link">dieser Aufstellung hier</a> hereinkopiert, chronologisch die letzten Meldungen vom 24. Juni 2009, der möglicherweise als  Tag der Baharestan Ereignisse in Geschichtsbücher eingehen wird:</p>
<ul>
<li>just in from Baharestan Sq &#8211; situation today is terrible &#8211; they beat the ppls like animals -</li>
</ul>
<ul>
<li>I see many ppl with broken arms/legs/heads &#8211; blood everywhere &#8211; pepper gas like war -</li>
</ul>
<ul>
<li>they were waiting for us &#8211; they all have guns and riot uniforms &#8211; it was like a mouse trap &#8211; ppl being shot like animals</li>
</ul>
<ul>
<li>saw 7/8 militia beating one woman with baton on ground &#8211; she had no defense nothing &#8211; #Iranelection sure that she is dead</li>
</ul>
<ul>
<li>so many ppl arrested &#8211; young &amp; old &#8211; they take ppl away -</li>
</ul>
<ul>
<li>ppl run into alleys and militia standing there waiting &#8211; from 2 sides they attack ppl in middle of alleys</li>
</ul>
<ul>
<li>all shops was closed &#8211; nowhere to go &#8211; they follow ppls with helicopters &#8211; smoke and fire is everywhere</li>
</ul>
<ul>
<li>phone line was cut and we lost internet &#8211; #Iranelection &#8211; getting more difficult to log into net -</li>
</ul>
<ul>
<li>rumour they are tracking high use of phone lines to find internet users &#8211; must move from here now &#8211; #Iranelection</li>
</ul>
<ul>
<li>reports of street fighting in Vanak Sq, Tajrish sq, Azadi Sq &#8211; now &#8211; #Iranelection &#8211; Sea of Green &#8211; Allah Akbar</li>
</ul>
<ul>
<li>in Baharestan we saw militia with axe choping ppl like meat &#8211; blood everywhere &#8211; like butcher &#8211; Allah Akbar -</li>
</ul>
<ul>
<li>they catch ppl with mobile &#8211; so many killed today &#8211; so many injured &#8211; Allah Akbar &#8211; they take one of us</li>
</ul>
<ul>
<li>they pull away the dead into trucks &#8211; like factory &#8211; no human can do this &#8211; we beg Allah for save us -</li>
</ul>
<ul>
<li>Everybody is under arrest &amp; cant move &#8211; Mousavi &#8211; Karroubi even rumour Khatami is in house guard</li>
</ul>
<ul>
<li>we must go &#8211; dont know when we can get internet &#8211; they take 1 of us, they will torture and get names &#8211; now we must move fast -</li>
</ul>
<ul>
<li>thank you ppls 4 supporting Sea of Green &#8211; pls remember always our martyrs &#8211; Allah Akbar &#8211; Allah Akbar &#8211; Allah Akbar</li>
</ul>
<ul>
<li>Allah &#8211; you are the creator of all and all must return to you &#8211; Allah Akbar -</li>
</ul>
<p>[<span style="text-decoration: underline;">Update:</span> die <strong>taz </strong>hat einen<strong> <a href="http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/wo-ist-persiankiwi/" target="_blank" class="broken_link">informativen Artikel zu @persiankiwi</a></strong> veröffentlicht.]</p>
<p style="text-align: center;">&#8212;</p>
<p><strong>Anhang II:</strong><br />
Andrea Maria <a href="http://bureau.comandantina.com/archivos/2009/06/sea_of_green_iran_twitters_tubes_and_phones.php" target="_blank" class="broken_link"><strong>Dusls Eintrag zu Baharestan</strong></a>, auch sonst weitere Infos, Berichte, Links bei der <a href="http://bureau.comandantina.com/" target="_blank" class="broken_link">Comandantina Dusilova</a>.</p>
<p style="text-align: center;">&#8212;</p>
<p><strong>Anhang III:</strong></p>
<p>Die taz am 30.6. zu einem <a href="http://www.taz.de/1/politik/nahost/artikel/1/persiankiwi-wohl-in-sicherheit/" target="_blank" class="broken_link">kolportierten Lebenszeichen von @persianwiki, dem Baharestan Ereignissen</a> und mehr.</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_945" class="footnote">ein Nachtrag: siehe dazu, dh. dazu, was am Folgetag als halbwegs überprüfbar verifiziert werden konnte<a href="http://iran.whyweprotest.net/news-current-events/2327-green-brief-8-a.html#post18505" target="_blank" class="broken_link"> die Analyse von NiteOwl</a>.</li></ol><p>Ähnliche Einträge:<ol>
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</ol></p>]]></content:encoded>
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		<title>Die seltsame &#8220;Grüne Vorwahlen&#8221;-Promo</title>
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		<pubDate>Fri, 22 May 2009 11:24:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>hc voigt</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es ist der 22. Mai. Seit dem going public der Initiative &#8216;Grüne Vorwahlen&#8217; am 1. April sind also bald 2 Monate vergangen und tatsächlich fühle ich mich bemüßigt zu erklären, warum ich erst jetzt einen BlogEintrag – eine Analyse der Sprachregelung der Initiative aus den ersten Tagen – zu dieser Geschichte online stelle. Zum ersten ist da das morgen [...]
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</ol>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist der 22. Mai. Seit dem <em>going public</em> der <a href="http://www.gruenevorwahlen.at/" target="_blank" class="broken_link"><strong>Initiative &#8216;Grüne Vorwahlen&#8217;</strong></a> am 1. April sind also bald 2 Monate vergangen und tatsächlich fühle ich mich bemüßigt zu erklären, warum ich erst jetzt einen BlogEintrag – eine Analyse der Sprachregelung der Initiative aus den ersten Tagen – zu dieser Geschichte online stelle.</p>
<p>Zum ersten ist da das morgen startende <strong><a href="http://www.barcamp.at/PolitCamp_Graz_Mai_2009" target="_blank" class="broken_link">PolitCamp09</a></strong> in Graz. Ich werde mich jetzt dann gleich mal Richtung Bahnhof begeben und den Zug dorthin nehmen. Für das Programm angekündigt ist auch ein Bericht von Seiten der Initiatoren und ich möchte mein Mißfallen und Unverständnis hier vorher los werden, um es für mich selbst &#8216;<em>aus dem Weg</em>&#8216; zu haben und es nicht vorort zu tun.</p>
<p>Zum zweiten, weil ich nun mal schon vor 2 Wochen für mich die im Anschluß folgende Analyse betrieben habe und der Grund, warum ich das getan habe, weiterhin virulent ist. Der Grund ist kurz gesagt die heftige Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit, die ich rund um diese Initiative wahrnehme:</p>
<p><span id="more-852"></span></p>
<ul>
<li>der Anspruch, UnterstützerInnen der <strong><a href="http://wien.gruene.at/" target="_blank" class="broken_link">Grünen Wien</a></strong> sein zu wollen</li>
</ul>
<p>und</p>
<ul>
<li>die Wirklichkeit, die Grünen laufend mit Beleidigungen und Anschuldigungen zu bedenken.<sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/05/die-seltsame-grune-vorwahlen-promo/#footnote_0_852" id="identifier_0_852" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Das ist der mich erheblich st&ouml;rende Widerspruch, freilich nicht der einzige erheblich. Da ist dann noch der Anspruch, politisch engagiert, gebildet und souver&auml;n zu sein. Was sich mit den weitgehendst falschen wie naiven Aussagen und Vorstellungen so &uuml;berhaupt nicht zusammen passt.">1</a></sup></li>
</ul>
<p><strong><span style="font-weight: normal;">I mean, </span><em>this simply makes no sense, doesn&#8217;t it? </em></strong>In meinen bescheidenen Augen zumindest.</p>
<p>Diese Diskrepanz zwischen Unterstützer-Sein-Wollen<sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/05/die-seltsame-grune-vorwahlen-promo/#footnote_1_852" id="identifier_1_852" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Und das glaube ich jetzt einmal sehr wohl. Ich glaube ganz und gar nicht, dass es nur um ein Vorgeben des Unterst&uuml;tzer-sein-Wollens geht.">2</a></sup> und seltsamen wie klar beleidigenden Anschuldigungen habe ich von Beginn an so empfunden; und die Beleidigungen und Anschuldigungen haben über den gesamten Zeitraum bis jetzt angehalten.</p>
<p><strong>Wer beleidigt da wen?</strong><br />
Dieser meiner Wahrnehmung von den seltsamen Anschuldigungen der Initiative seit derem <em>going public</em> steht freilich entgegen, dass diese sich umgekehrt von den Grünen beleidigt fühlen. Und die Anschuldigungen seitens der &#8220;UnterstützerInnen&#8221; in Richtung der Grünen liegen unter anderem auch wieder darin, dass ihnen seltsame Anschuldigungen entgegen gebracht würde.<br />
Wie &#8220;seltsam&#8221; – und gleichzeitig symptomatisch für Konflikte – ich diese Pattstellung finde, habe ich vor 2 Wochen <a href="http://wissenbelastet.com/2009/05/10/die-gruenen-der-banner-und-das-boese-internet/" target="_blank" class="broken_link">im Anschluss an einen BlogEintrag und einer Aktion von Max Kossatz kommentiert</a>.<sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/05/die-seltsame-grune-vorwahlen-promo/#footnote_2_852" id="identifier_2_852" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="&amp;#8230; und ich habe meine Beobachtung des Konflikts&nbsp;&ndash; quasi sublimiert&nbsp;&ndash; in Ausz&uuml;gen aus einem Standardwerk zu Gruppensoziologie verarbeitet, also die strukturellen Zw&auml;nge beschrieben, die hier wohl am wirken sind.">3</a></sup></p>
<p><strong>Was ist mein Blickwinkel?</strong><br />
Tja, das ist ein bißchen ein Problem für mich und einer der Gründe, warum ich erst jetzt und warum ich überhaupt mit einem BlogEintrag reagiere:<br />
<span style="text-decoration: underline;">beide Welten und Gruppen sind mir sympathisch und stehen mir nahe</span>! (also auch innerer Konflikt <img src='http://www.kellerabteil.org/wp-includes/images/smilies/icon_rolleyes.gif' alt=':roll:' class='wp-smiley' />  )</p>
<p>Da ist ein mal das web2.0 und da sind konkrete Personen, seitens der Initiatoren und UnterstützerInnen. Mit dem web2.0-Phänomen (vlg. <em><strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialer_Wandel" target="_blank" class="broken_link">Sozialen Wandel</a></strong></em>) beschäftige ich mich bereits länger und das noch dazu vor der Folie klar politischen Anwendungsinteresses. Ich bin ein kritischer Fan und setze Hoffnungen in diesen sozialen Wandel.<br />
Von den Initiatoren kenne ich <strong><a href="http://www.helge.at/" target="_blank" class="broken_link">Helge Fahrnberger</a></strong> und <strong><a href="http://digiom.wordpress.com/" target="_blank">Jana Herwig</a></strong> wie dem web als web2.0-Aktive und bin ein Fan ihrer Blogs, Tweets und Arbeiten. Selbiges gilt auch für Max Kossatz und dessen <strong><a href="http://wissenbelastet.com/" target="_blank" class="broken_link">Wissen belastet</a></strong>-Blog.</p>
<p>Da sind zum anderen die Grünen, die einzige für mich wählbare Partei in Österreich; und das seit geraumer Zeit. Ich bin seit Jahren Mitglied der Wiener Grünen, wenn auch lange schon nicht mehr aktiv, und auch früher &#8220;nur&#8221; lose in die eine oder andere Expertenarbeitsgruppe eingebunden (Technologie-, Bildungs-, Hochschulpolitik).<sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/05/die-seltsame-grune-vorwahlen-promo/#footnote_3_852" id="identifier_3_852" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="F&uuml;r meine Wahrnehmung des Ganzen wohl auch relevant ist, dass ich Sozialwissenschaftler bin und langj&auml;hrig Politische Bildung unterrichtet habe: das Parlamentssystem &Ouml;sterreichs, Parteiensystem, Zivilgesellschaft, Politische Arbeit im Hintergrund, Karrieren im internationalen Vergleich, politische Informationen im Mediensystem usw.">4</a></sup></p>
<p><strong>Was soll also diese seltsame Promo-Aktion?</strong><br />
Das habe ich mich von Beginn an gefragt, zugegebenermaßen verärgert, bedauernd und die Initiatoren nicht verstehend. Was soll allein schon dieser Titel <strong>&#8220;</strong><strong>Vorwahlen</strong><strong>&#8220;</strong>? Sorry, aber das kann doch nicht ernst gemeint sein. Die Listenwahl zu einer Gemeinderatswahl mit den us-amerikanischen Vorwahlen gleichzusetzen, &#8230; Himmel!<br />
Warum, wenn mensch sich bei den Grünen engagieren will, melden sich die Initiatoren nicht einfach als Mitglieder an und berichten davon, wie einfach das geht. Mensch kann immerhin bei keiner anderen Partei seinen Mitgliedsbeitrag frei wählen, also auch z.B. nur € 10,- überweisen. Bei keiner anderen Partei ist die Integration so frei wählbar, einfach und nirgendwo sonst kann mensch sofort an wichtigen internen Listenwahlen teilnehmen.<br />
Und warum fordern diese politisch interessierten Web2.0-Aficionados andere auf, es ihnen nach zu tun? Meinetwegen auch als &#8220;UnterstützerInnen&#8221; und nicht als &#8220;Mitglieder&#8221;.</p>
<p>Vor allem aber: Warum in aller Welt macht mensch eine mediale Aktion, ohne offensichtlicher Absprache mit denen, die mensch unterstützen will und <strong>beleidigt schon in den ersten Kerntexten die Grünen?</strong></p>
<p><strong>Die Analyse der ersten Texte</strong><br />
Damit komme ich zu meiner Analyse. Vor zwei Wochen begonnen, stelle ich sie im folgenden ohne Überarbeitung und Ergänzung hier herein, die Vorreden bis hierher sind wohl lang genug:</p>
<blockquote><p><strong>1. Die Eingangsstatements</strong>:</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Helge Fahrnberger</span>: «<em>Wo waren die [20 Mandatare] im Wahlkampf? Wer sind die überhaupt? Während des ganzen Wahlkamps waren sie beispielsweise auf der Grünwebsite kaum auffindbar, geschweige denn irgendwo als Person präsent. (Und bitte kommt mir jetzt nicht mit Presseaussendungen und Ständen in Fußgängerzonen &#8211; das ist sowas von antiquiert, davon krieg’ ich Ausschläge.)</em>»<br />
► heißt im konkreten Fall nichts anderes als:<br />
die Mandatare sollen sich gefälligst vorstellen, sind nicht präsent und vor allem so antiquiert, dass man Ausschläge bekommen könnte.<br />
Das ist erstens kein schlechter Vorwurf angesichts dessen, was ein Wahlkampf von einer MandatarIn zusätzlich zur sonstigen Arbeit fordert. Das beruht zweitens – erlaube ich mir als Sozialwissenschaftler zu sagen – auf nachweisbar falschen Annahmen, oder weniger höflich ausgedrückt: es ist ein ziemlicher Blödsinn. So in etwa wie wenn eine PolitikerIn erklären würde, das Internet sei eine Serie von Röhren.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Martin Schimak</span>: «<em>Die grünen Vorwahlen unterstütze ich gerne, weil ich mir den Traum erlaube, dass wir eines Tages Volksvertretungen und Parlamente haben können, in denen Menschen sitzen, deren Mandate nicht nur vom Gehorsam gegenüber der jeweiligen Partei abhängen.</em>»<br />
► heißt im konkreten Fall nichts anderes als:<br />
die jetzt tätigen Grünen in Bezirks-, Gemeinde-, Stadt-, Landes- und Bundesparlamenten sind nur vom Gehorsam gegenüber ihrer Partei abhängig; Parteisoldaten also ohne eigene Meinung, eigenen Willen oder eigene Initiative.<br />
Das ist erstens kein schlechter Vorwurf, den die Angesprochenen schwerlich erfreut als interessantes Feedback verbuchen werden können. Das ist außerdem ein – erlaube ich mir wiederum als Sozialwissenschaftler zu sagen – ziemlicher Humbug. Das wäre sogar für die Gemeinderäte der FPÖ ein ziemlicher Humbug, ist in Anbetracht der Grünen Partei allerdings schlicht lächerlich.</p>
<p><strong>2. Blogpost auf www.gruenevorwahlen.at:</strong></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Das zweite Blogpost (1. April) zitiert</span>: «<em>Hätte ein Barack Obama in der österreichischen Funktionärsdemokratie Chancen, an wählbarer Stelle auf eine Mandatsliste gesetzt zu werden? Demokratie braucht Öffentlichkeit – und wenn die Grünen schon die einzige Partei sind, die öffentliche Vorwahlen per Statut ermöglicht, dann sollten wir diese Chance auch nützen.</em>»<br />
► Eine Aussage, die punkto Barack Obamas Chancen in Österreich wohl ziemlich zutreffend sein dürfte. Zudem ist sicherlich richtig, dass Demokratie Öffentlichkeit voraussetzt, falsch wäre nur, wenn Öffentlichkeit als einzig förderliches Prinzip immer und in jeder Situation als der Demokratie förderlich absolut gesetzt würde. Demokratie benötigt schließlich auch halb-öffentliche und geschlossene Verhandlungsräume.</p>
<p>Die Grünen kümmern sich in der österreichischen Parteienlandschaft als einzige Partei um einen relativ offenen Zugang zur Mitgestaltung und Mitbestimmung. Sie sind im Gegensatz zu SPÖ, ÖVP und FPÖ keine traditionelle Lagerpartei und auch keine Kaderpartei sondern in Abgrenzung dazu eine Sammelpartei für viele und sehr unterschiedliche und innerhalb der Partei mit einiger Autonomie ausgestattete Grassroots-Bewegungen und Bürgerinitiativen (z.B. diverseste Umweltschützer, Tierschützergruppen, Behindertenvertreter, Zusammenschlüsse von PendlerInnen, Gegner des Glücksspiels, MigrantInnengruppen, Vereine für eine andere Schule, MenschenrechtsaktivistInnen, Streiter für mehr Transparenz in der Bürokratie, Gentechnikgegner, in der Entwicklungszusammenarbeit Engagierte usw.).</p>
<p>Ernsthaft &#8220;öffentliche Vorwahlen&#8221; wären nichts anderes als grob fahrlässig und würden zur raschen Auflösung dieser ~15% Partei führen, die verschiedenen teilweise sehr kleinen, speziellen und gesellschaftlich am Rand angesiedelten Grassrootsinitiativen würden ihre Einbindung in das politische parlamentarische System verlieren und müssten wieder zum dann fast einzig verbleibenden Mittel des Aktionismus zurückkehren.<br />
Der Kontext von einerseits Barack Obama und andererseits &#8220;Vorwahlen&#8221; ist schön, aber sollte er für eine Argumentation herhalten sollen, etwas irreführend. Erstens handelt es sich nicht um Vorwahlen sondern eine Listenerstellung und zweitens um die Liste einer ~15% Partei in einer Stadt mit gut 1 Million Wahlberechtigten, was etwas anderes ist das Primaries für die Präsidentschaftswahlen in den USA. Geht es im einen Fall um eine Person, die für das mächtigste politische Mandat auf diesem Planenten kandidiert, so geht es im anderen Fall um politische BasisarbeiterInnen (siehe &#8220;Sammelpartei&#8221;), die sich z.B. um die Listenplätze 6, 10 oder 14 bewerben.<br />
Wie soll ich sagen, nicht ganz das Gleiche. Eher: gar nicht vergleichbar.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Das dritte Blogpost auf www.gruenevorwahlen.at (2. April)</span>: bildet einen Artikel des Standard ab. Wie es zu dem Artikel kommt, wird nicht transparent und öffentlich gemacht. Er beginnt mit einem O-Ton-Zitat von Helge Fahrnberger, hat die Referenz auf Obama im Titel und spricht von den potentiellen Unterstützern der Grünen als &#8220;die Grüne Basis&#8221;.<br />
► was nichts anderes hieße, als dass jene politisch in den verschiedenen Gruppen und in den Bezirken Aktiven entweder nicht die Basis der Grünen sein sollen oder genauso viel Basis sein sollen wie UnterstützerInnen, die aufgrund einer Initiative sich an &#8220;Vorwahlen&#8221; beteiligen wollen.</p>
<p>«<em>&#8220;Obama hätte es ohne Vorwahlsystem nie geschafft</em><em>&#8220;, erklärt Fahrnberger im Gespräch mit derStandard.at.</em>» ist wahrscheinlich als PR-Aussage der Initiative zu lesen. Die Initiative präsentiert sich, erreicht von Start an einen Artikel im Standard und schafft Bezüge. Dieses Vermögen ist Anerkennung wert.</p>
<p>Liest mensch das nicht als geschickte PR sondern inhaltlich und als ernstgemeinte Arbeit und Unterstützungsinitiative, so wird der Artikel problematischer.<br />
Zum einen stellten sich Aussagen wie die obige als sehr weltfremd und ahnungslos dar.<br />
Zweitens stellte sich die Frage, wieso diese Initiative sofort einen Artikel im Standard bekommt. Freilich müsste diese Frage wohl die Färbung haben, &#8220;was bezweckt der Standard damit&#8221;, was bezweckt die Initiative wirklich?<sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/05/die-seltsame-grune-vorwahlen-promo/#footnote_4_852" id="identifier_4_852" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Was der Standard bezweckt, das ist politischen Beobachtern zwar klar und w&auml;re einige Er&ouml;rterungen wert, ist aber ein anderes Thema.">5</a></sup><br />
Drittens, wie ernst gemeint bzw. tief reichend ist der Wille, &#8220;zu unterstützen&#8221; und wie sehr geht es um Distinkionsgewinne und Eigen-PR, wenn die Initiatoren sich zwar die Mühe gegeben haben, offensichtlich das Statut der Grünen Wien zu lesen, eine Homepage mit Texten aufzuziehen sowie in der Presse in Erscheinung zu treten, aber umgekehrt nicht die Arbeit investiert haben, die Grünen zu kontaktieren und punkto Statut zu fragen, ob man das richtig interpretiere, sich zu informieren, was eigentlich &#8220;Vorwahlen&#8221; und was im Unterschied dazu &#8220;Listenwahlen&#8221; einer 15% Partei zu einem Gemeinderat sind und die eigenen &#8220;Eingangsstatements&#8221; vor Veröffentlichung so durchzulesen, dass sie keine seltsamen Anschuldigungen und Beleidigungen enthalten.</p>
<p><strong>3. Ergo:</strong></p>
<p>Mit diesem Start und Auftreten können die Reaktionen aus den Kreisen der Grünen wohl im besten Fall nur so aussehen: &#8220;<em>umpf, ja, hust hust, das freut uns sehr! Willkommen! Im übrigen, wenn ihr uns erlaubt, da auf etwas aufmerksam zu mache, da scheint es da vl. ein kleines Mißverständis zu geben</em>&#8220;.<br />
Und im schlechteren Fall: &#8220;<em>Was wollen die wirklich? Wer sind die, dass sie sich so aufführen und uns beleidigen? Das passt wohl kaum damit zusammen, bei uns mitmachen zu wollen, also was läuft da eigentlich?</em>&#8220;</p></blockquote>
<p style="text-align: center;">&#8212;</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_852" class="footnote">Das ist der mich erheblich störende Widerspruch, freilich nicht der einzige erheblich. Da ist dann noch der Anspruch, politisch engagiert, gebildet und souverän zu sein. Was sich mit den weitgehendst falschen wie naiven Aussagen und Vorstellungen so überhaupt nicht zusammen passt.</li><li id="footnote_1_852" class="footnote">Und das glaube ich jetzt einmal sehr wohl. Ich glaube ganz und gar nicht, dass es nur um ein Vorgeben des Unterstützer-sein-Wollens geht.</li><li id="footnote_2_852" class="footnote">&#8230; und ich habe meine Beobachtung des Konflikts – quasi sublimiert – in Auszügen aus einem Standardwerk zu Gruppensoziologie verarbeitet, also die strukturellen Zwänge beschrieben, die hier wohl am wirken sind.</li><li id="footnote_3_852" class="footnote">Für meine Wahrnehmung des Ganzen wohl auch relevant ist, dass ich Sozialwissenschaftler bin und langjährig Politische Bildung unterrichtet habe: das Parlamentssystem Österreichs, Parteiensystem, Zivilgesellschaft, Politische Arbeit im Hintergrund, Karrieren im internationalen Vergleich, politische Informationen im Mediensystem usw.</li><li id="footnote_4_852" class="footnote">Was der Standard bezweckt, das ist politischen Beobachtern zwar klar und wäre einige Erörterungen wert, ist aber ein anderes Thema.</li></ol><p>Ähnliche Einträge:<ol>
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</ol></p>]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>SoZi 19&#124;09: Die Gruppe</title>
		<link>http://www.kellerabteil.org/2009/05/sozi-1909-die-gruppe/</link>
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		<pubDate>Mon, 11 May 2009 10:03:18 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Aus einem Buch, welches ich persönlich gerne zum Klassiker erheben möchtete; und das ich noch lieber als Pflichtprogramm sähe für StudentInnen der Soziologie, aber auch weiterer Sozialwissenschaften ebenso wie für in Wirklichkeit sowieso alle. Ein Buch, das z.B. einen perfekten Einstieg in sozialwissenschaftliches Wissen für Jugendliche bieten würde. Sagen wir vielleicht &#8216;Schulstufe 6&#8242;: Die soziale [...]
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Aus einem Buch, welches ich persönlich gerne zum Klassiker erheben möchtete; und das ich noch lieber als Pflichtprogramm sähe für StudentInnen der Soziologie, aber auch weiterer Sozialwissenschaften ebenso wie für in Wirklichkeit sowieso alle. <img src='http://www.kellerabteil.org/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' />  Ein Buch, das z.B. einen perfekten Einstieg in sozialwissenschaftliches Wissen für Jugendliche bieten würde.</p>
<p>Sagen wir vielleicht &#8216;Schulstufe 6&#8242;:<br />
<strong>Die soziale Gruppe und Gruppenverbände</strong><br />
<em>Systematische Einführung in die Folgen von Vergesellschaftung</em></p>
<p>Ach ja! Und dieses SoZi – mit verspätetem Erscheinungstermin <img src='http://www.kellerabteil.org/wp-includes/images/smilies/icon_rolleyes.gif' alt=':roll:' class='wp-smiley' />  – hat übrigens kurzfristig und aus gegebenen Anlass ein anderes, ursprünglich hier vorgesehenes verdrängt. Der Anlass:<br />
die in der Blogosphäre, auf <a href="http://twitter.com/#search?q=%23GruneVW" target="_blank">Twitter</a> und also allgemein in web2.0-Strukturen geführten <a href="http://wissenbelastet.com/2009/05/10/die-gruenen-der-banner-und-das-boese-internet/" target="_blank" class="broken_link">Diskussionen(?)</a> rund um die &#8220;<a href="http://www.gruenevorwahlen.at/" target="_blank" class="broken_link">Grüne Vorwahlen</a>&#8220;-Initiative.</p>
<p>Ein Lehrbeispiel von Zwangsprozessen (siehe unten)<sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/05/sozi-1909-die-gruppe/#footnote_0_757" id="identifier_0_757" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="&amp;#8230; und freilich ist da mehr, und vl. auch ein weiteres Sonntagszitat n&auml;chste Woche zu Orientierungs- und Bezugsgruppen, vl. irgendwann zu Gruppen zweiter Ordnung.">1</a></sup>, also solchen, die in der sozialen Formierung unumgänglich sind, was nicht das &#8220;<em>wie</em>&#8221; sondern das &#8220;<em>dass</em>&#8221; meint. Dass mir das &#8220;wie&#8221; nicht sonderlich sympathisch ist, mag ich nicht mehr verhehlen und hab das auch hier <a href="http://wissenbelastet.com/2009/05/10/die-gruenen-der-banner-und-das-boese-internet/#comment-5251" target="_blank" class="broken_link">zuletzt kommentiert</a>.</p>
<p>Ob ich die letzte Nacht gemachten 3seitigen Notizen noch Online stelle, dazu geben ich mir sicherheitshalber noch ne weitere Nacht Bedenkzeit. Hier jetzt einfach das SoZi zur Woche:</p>
<p><span id="more-757"></span></p>
<blockquote><p><strong>1. Kleine Gruppen als &#8220;Russelsche Strukturen&#8221;</strong><br />
Kleine Gruppen, d.h. soziale Formationen von mehreren bis ca. 25 Menschen, treten als vororganisierte Zwangsgruppen oder sich organisierende freie Gruppen, d.h. als &#8220;strukturiert&#8221; auf: Sie werden zu &#8220;Strukturen&#8221; geformt oder formen sich zu &#8220;Strukturen&#8221;. Struktur meint dabei einen geregelten Aufbau, der im &#8220;Funktionieren&#8221; der Gruppe zum Ausdruck kommt. So glauben wir meistens eine &#8220;Familie&#8221; zu erkennen, wenn wir zwei gegengeschlechtliche Erwachsene mit zwei &#8220;Kindern&#8221; sehen; auf der Straße marschierende Reihen Uniformierter werden als militärische oder paramilitärische Gruppe identifiziert. Was sehen wir aber &#8220;eigentlich&#8221;? Wir sehen einzelne Menschen, sozusagen &#8220;Elemente&#8221; einer sich abzeichnenden sozialen Formation, die als solche Elemente auf einen bestimmten Zusammenhang (der in unserer Kultur bekannt ist) verweisen. [..]<br />
Dieser &#8220;Zusammenhang&#8221; ist, soziologisch angesprochen, nichts anderes als &#8220;verbindliche Verhaltensanweisung&#8221; (Norm). Setzt man hierfür &#8220;Syntax&#8221; (Zusammenordnung von Wörtern, Bedeutungsbestandteilen, Teilen, Verhaltensweisen) so ergibt sich, daß wir &#8220;Gruppen&#8221; identifizieren, indem wir in ihnen <em>Elemente </em>erkennen, die nach einer bestimmten <em>Syntax</em> zueinandergeordnet sind, das heißt bei Menschen: sich ihr – unfreiwillig oder freiwillig – unterwerfen. [..]<br />
Damit erkennen wir Gruppen als &#8220;Russelsche Strukturen&#8221;, das heißt Strukturen, die sich über einer Basis bilden, die aus Elemten besteht, die nach einer Syntax angeordnet sind. Oder: Die kleine konkret auftretende Gruppe ist <em>eine </em>Variante begrenzter <em>Möglichkeiten</em>.<sup><a href="http://www.kellerabteil.org/2009/05/sozi-1909-die-gruppe/#footnote_1_757" id="identifier_1_757" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Wie &uuml;brigens alle weiteren gr&ouml;&szlig;eren sozialen Verb&auml;nde bis zum &amp;#8220;Staat&amp;#8221; hinauf.">2</a></sup></p>
<p><strong>2. Weitere formierende Faktoren</strong><br />
Eingelagert in diejenigen Lebensformen und Verhaltensprozesse, die von der gesellschaftlich bestimmten, oft kulturell vorgegebenen Basis  (Elemente und Syntax) sich typisch ableiten lassen, sind Prozesse mit einem gewissen Zwangscharakter. [..]</p>
<p><strong>Zwang zur Selbstdarstellung</strong><br />
[..] Die Selbstdarstellung – als ein Zwang für alle Mitglieder einer Gruppe – ist konstituierend oder kennzeichnend für den Druck, den Gruppenbildung auf die Beteiligten ausübt und ausüben wird: den Druck in Richtung auf eine Homogenisierung auf mittlerem Niveau. [..]</p>
<p><strong>Zwang, den anderen registrieren zu müssen</strong><br />
[..] In diesem Klärungsprozess der beteiligten &#8220;Charaktere&#8221; geschieht aber auch notwendig ein Annäherungsprozess. [..] Es muss ein &#8220;Erwartungsgefüge&#8221; entstehen, an dem &#8220;man&#8221; sich gegenseitig orientieren kann. [..]</p>
<p>Zwang zur Bildung eines Binnenselbstverständnisses<br />
[..] Zu dieser gegenseitigen Bestätigung hilft in hervorragendem Maße die Bildung einer &#8220;Gruppensprache&#8221;. [..]</p>
<p><strong>Zwang zur Außendarstellung gegenüber der Umwelt</strong><br />
[..] Am deutlichsten werden mögliche Differenzen zwischen Binnenselbstverständnis und Außendarstellung dort, wo sich Gruppen ihrem Binnenselbstverständnis nach ausdrücklich gegen Normen oder auch &#8220;herrschende&#8221; Werte der Umgebenden Gesellschaft stellen, im Extremfall dagegen zu agieren bereit sind, zum Beisptiel be sogenannten &#8220;konspirativen&#8221; Gruppen. Deren Basis ist besonders klar: Ihre Elemente haben ausschließlich aus eindeutig &#8220;zuverlässigen&#8221;, das heißt hier: ideologisch zuverlässigen, Mitgliedern zu bestehen; auch &#8220;fachlich&#8221; notwendigerscheindende Kompetenzen mitbringende, das heißt besonders in dieser Dimension erwünschte Mitglieder müssen voll und ganz &#8220;auf der Linie&#8221; sein (was zu erheblichen Problemen führen kann). [..]</p>
<p><strong>&#8220;Investitionen&#8221;</strong><br />
[..] Die Selbstdarstellung zur eigenen Integration in eine Zwangsgruppe oder eine freiwilliger gebildete Gruppe ist bereits unter dem Aspekt der Investitionen zu sehen: Schon das bloße Erscheinen bedeutet eine Investition von Zeit, von Entschluß, konkret &#8220;da&#8221; sein, Zeit-daran-Geben, Sprechen, Bleiben, Mitmachen. Investition ist aber auch das – unvermeidliche – Registrieren der anderen, das Sich-mit-ihnen-Beschäftigen, Sie-in-sie-Einordnen, Auf-sie-Eingehen, Sich-zu-ihnen-Abstimmen. Investition erfolgt also gegenseitig. Typisch steigert sich dabei die Investitions<em>intensität</em>, zugleich vermehrt sich auch die Investitions<em>masse</em>. [..]</p>
<p><strong>Realitätsverhältnis</strong><br />
[..] Die Gruppe beginnt eine Grenze um sich zu ziehen, wird konfliktfähig, &#8220;institutionalisiert&#8221; sich. Dieser Vorgang des Sicheinigens auf ein &#8220;Weltbild&#8221; oder eine Weltansicht, welcher Konzentration, Innenstabilisierung/Institutionalisierung, höhere Konfliktfähigkeit, eigene und Gruppenidentität umfaßt, kann mit dem Begriff der &#8220;Insulation&#8221; gekennzeichnet werden. Die sich gegen außen abgrenzende Gruppe entwickelt ihr eigenes Innenklima, das charakteristisch von der Umwelt abweicht, sich gegen sie absetzt. [..]</p></blockquote>
<p style="text-align: right;"><strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Dieter_Claessens" target="_blank" class="broken_link">Claessens, Dieter</a></strong> (1995 [1977]):<br />
Gruppe und Gruppenverbände. Systematische Einführung in die Folgen von Vergesellschaftung</p>
<p style="text-align: center;">&#8212;</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_757" class="footnote">&#8230; und freilich ist da mehr, und vl. auch ein weiteres Sonntagszitat nächste Woche zu <em>Orientierungs- und Bezugsgruppen</em>, vl. irgendwann zu Gruppen zweiter Ordnung.</li><li id="footnote_1_757" class="footnote">Wie übrigens alle weiteren größeren sozialen Verbände bis zum &#8220;Staat&#8221; hinauf.</li></ol><p>Ähnliche Einträge:<ol>
<li><a href='http://www.kellerabteil.org/2009/05/sozi-2209-tabus-und-gruppenselbstbetrug/' rel='bookmark' title='SoZi 22|09: Tabus und Gruppenselbstbetrug'>SoZi 22|09: Tabus und Gruppenselbstbetrug</a></li>
<li><a href='http://www.kellerabteil.org/2009/05/fezi-2109-die-bezugsgruppe/' rel='bookmark' title='FeZi 21|09: Die Bezugsgruppe'>FeZi 21|09: Die Bezugsgruppe</a></li>
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</ol></p>]]></content:encoded>
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