Archiv für das 'organische Intellektuelle'-tag

SoZi 23|09: Legitimation betrifft nicht die Massen, sondern die Kader

… gestern Nacht beim Lesen von Immanuel Wallersteins berühmter Studie über diese Passage gestolpert. Sie zeigt knapp und präzis einen entscheidendes Kriterium von Macht und Legitimität an, das sich wohl auch bei Max Weber nirgends so konzis dargestellt findet.

Der erste relevante und banal erscheinende Schritt ist, Legitimität als immer partielle Legitimität zu begreifen:

Politische Organismen sind immer stabiler, sofern sie wenigstens partielle Legitimität erreichen. In den Analysen über den Prozeß der Legitimation wird das Problem oft eher verdunkelt, weil der Blick fast ausschließlich auf das Verhältnis von Regierungen zu der Masse der Bevölkerung gerichtet wird.

Die daran anschließenden Sätze sind typische Beispiele Wallerstein’scher Nüchternheit. Sie erscheinen sarkastisch, wie von (schwarzem?) Humor getragen und sind doch eher nur nüchterne, von euphemistischen Anflügen freie Darstellung1:

Es ist fraglich, ob in der Geschichte der Menschheit sehr viele Regierungen von der Mehrheit derer, die von ihren Regierungen ausgebeutet, unterdrückt und mißhandelt wurden, für »legitim« gehalten wurden. Die Massen mögen sich ihrem Schicksal überlassen oder trotzig widerspenstig sein, sich über ihr zeitweiliges Wohlergehen wundern oder sich aktiv auflehnen. Regierungen aber werden in der Regel ertragen, weder geschätzt noch bewundert, noch geliebt, noch nicht einmal unterstützt.

Es folgt die analytische Differenz: ‘SoZi 23|09: Legitimation betrifft nicht die Massen, sondern die Kader’ weiterlesen

  1. ich muss bei solchen Passagen trotzdem grinsen … []

Chomsky, Agitation und austriarkischer Dumpfbacken-Journalismus

Noam Chomsky begeht heute seinen 80ten Geburtstag; geboren am 7. Dezember 1928.

Dazu bringt ORF.On folgendes auf seiner Titelseite:

Für den Artikel, Klick auf das Bild

Der folgende, freilich anonyme Artikel schwingt sich zum moralischen Urteil über den Agitator” (WIkipedia) auf:

Bis zuletzt hat Chomsky auch nicht aufgehört, seine Kampfschriften verfassen. [..] Schwarz-Weiß-Malerei würde er betreiben, vielfach Plattitüden bis hin zu Verschwörungstheorien verbreiten. Und wirklich neu und überraschend seien mittlerweile die wenigsten seiner Argumente. [..] Seine weiße Weste als moralische Instanz hatte damals einige Flecken abbekommen.

Ja, das ist halt das Standard-Niveau unseres ORF-Journalismus (ha, wie doppelsinnig “Standard-Niveau”! :twisted: ). So gesehen könnte der Eintrag auch lauten ORF-Niveau vs. SRG-Niveau; siehe dann unten.

Agitation ist das Geschäft des Mediensystems
Der Dumpfbackenjournaille ließe sich ja leicht der Spiegel vorhalten.  Wie konsistent ist es denn, einem anerkannten Kritiker, der in Büchern und Zeitschriften publiziert Agitation zu unterstellen, wenn die Massenmedien selbst zu den Kriegen – think z.B. Irak – und Krisen – think z.B. Finanzsystem – aufrufen.

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