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Victor Adler, Gumpendorf 1902

… in ein­er Rede auf der Festver­samm­lung des 1867 gegrün­de­ten Arbeit­er-Bil­dungsvere­ins Gumpen­dorf:

«Bil­dung ist ein Wort und hat genau so viel Inhalt, wie der zu denken imstande ist, der dieses Wort ausspricht. Das, was man gewöhn­lich darunter ver­ste­ht, das, was die bürg­er­liche Gesellschaft als Bil­dung anerken­nt, das ist vor allem die Fähigkeit, orthographisch zu schreiben, orthographisch zu reden, orthographisch zu essen, und orthographisch sich anzuziehen. Dann muss man noch ein gewiss­es Quan­tum von Dichtern, Kom­pon­is­ten und Philosophen dem Namen nach ken­nen und muss beiläu­fig wis­sen, wann man im The­ater Bra­vo zu rufen hat. Das ist die Bil­dung der bürg­er­lichen Gesellschaft. Man ist auch gebildet, wenn man für Aufk­lärung und Fortschritt ist, dage­gen ist man schon sehr unge­bildet, wenn man sich vorn­immt, darunter etwas Klares zu ver­ste­hen zu ver­ste­hen.
Mit einem Worte: zwis­chen landläu­figer Bil­dung und pro­le­tarisch­er Bil­dung ist ein him­mel­weit­er Unter­schied. Wir ver­lan­gen von euch kein­er­lei Art von Orthogra­phie, wir ver­lan­gen von euch nichts als Selb­sterken­nt­nis. Darüber nachzu­denken, wie Sie gewor­den sind und was aus Ihnen wer­den soll, das nenne ich Bil­dung. Und auf eine noch höhere Stufe der Bil­dung gelan­gen Sie, wenn ein­mal die Erken­nt­nis den Willen geweckt hat, wenn aus dem Bewusst­sein, Pro­duk­te der Gesellschaft zu sein, das bewusste Streben erwächst, ihre Her­ren, ihre For­mer und Lenker zu wer­den. Die Bil­dung der Arbeit­erk­lasse beste­ht darin, dass sie sich mit Bewusst­sein eine große Auf­gabe gestellt hat und von ihr erfüllt ist, dass sie in klar­er Ein­sicht den Auf­bau ein­er Gesellschaft­sor­d­nung betreibt, sie den Pro­le­tari­ern eine ganz andere Bil­dungsmöglichkeit brin­gen wird, als es unser armer Bil­dungsvere­in mit seinen schwachen Mit­teln ver­mocht hat.»

((gefun­den bei Johann Dvorák: Otto Neu­rath und die Volks­bil­dung – Ein­heit der Wis­senschaft, Mate­ri­al­is­mus und umfassende Aufk­lärung; in: Friedrich Stadler (Hg.): Arbeit­er­bil­dung in der Zwis­chenkriegszeit; Wien/München 1982))

10 Kommentare zu “Victor Adler, Gumpendorf 1902”

  1. Werner

    Zusam­men­fas­sung aus einem Artikel der Zeitschrift Sozial­is­mus (www.sozialismus.de)Nr. 9 vom Jahr 2006 mit dem Titel
    “Nutzen stif­tend — bewusst­seins­bildend — poli­tisch gestal­tend” — die Bil­dungsar­beit der IG-Met­all von Mar­tin Allespach

    Gew­erkschaftliche Bil­dungsar­beit hat mehrere Funk­tio­nen:

     Es muss die Hand­lungs­fähigkeit und die poli­tis­che Durch­set­zungskraft für die GPA-DJP gestärkt und weit­er­en­twick­elt wer­den.
     Bil­dungsar­beit muss bei der Umset­zung strate­gis­ch­er Ziele mitwirken. Deshalb ist ein Fak­tor bei der gew­erkschaftlichen Poli­tikgestal­tung.
     Bil­dungsar­beit gibt poli­tis­che Ori­en­tierung und wirkt iden­titätss­tif­tend und stellt Bindung zur GPA-DJP her.
     Sie trägt dazu bei, die Bere­itschaft zum Engage­ment zu weck­en.
     Bil­dungsar­beit ist die Plat­tform, wo Diskurs und konkrete Auseinan­der­set­zung zur Entwick­lung eines poli­tis­chen Bewusst­seins möglich ist. Dabei gilt es die Fähigkeit­en zur reflek­tiv­en und hand­lung­sori­en­tierten Auseinan­der­set­zung mit gegen­sät­zlichen und unter­schiedlichen Inter­essen­spo­si­tio­nen in Betrieb und Gesellschaft zu fördern.
     Bil­dungsar­beit muss auch das „prak­tis­che Werkzeug“ liefern, um die Arbeit vor Ort im Betrieb pro­fes­sionell machen zu kön­nen. Von der Kon­flik­be­wäl­ti­gung bis zur Durch­set­zung kollek­tivver­traglich­er Rechte bis zu Gesund­heits­fra­gen (z.B. Mob­bing) gehen die Arbeits- und Tätigkeits­felder von BR-Mit­gliedern.
     Gew­erkschaftliche Bil­dungsar­beit ste­ht vor der Her­aus­forderung, dass oft­mals dif­ferzierte Sichtweisen hil­fre­ich­er für die Inter­essens­durch­set­zung sind und das tra­di­tionelle „Entwed­er – Oder“ Denken eher in Sack­gassen führt
     Gle­ichzeit­ig haben wir die Her­aus­forderung, unsere BR-Mit­glieder und Kol­legIn­nen mit einem für sie neuen Bil­dungs­be­griff zu kon­fron­tieren, wo Eigenini­tia­tive, Selb­sterken­nt­nis, Kreativ­ität, usw. wichtig sind. Viele Kol­legIn­nen sind geprägt von einem tra­di­tionellen bürg­er­lichen Bil­dungs­be­griff aus ihrer Schulzeit in dem Ord­nung, Diszi­plin und Leis­tung die wesentlichen Fak­toren waren.

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  2. Werner

    An Rokker­Mur!
    Ich habe dein Mail erhal­ten — ich habe mir dein Anliegen vorge­merkt — wir kön­nen ja im März in ein­er kleinen Gruppe die Tour machen und dann anschließend bei einem Bier/Wein/Getränk die Nachbe­sprechung machen. Vielle­icht will ja Hans Chris­t­ian auch mit…(Anderson) echt gut. 😆

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  3. RokkerMur

    @Werner
    ja, Rundgang.
    Habe dir gemailt aber erst im Feber/März wenn der Eis­bär wieder weg ist.

    @Hans Chris­t­ian
    Sie sind nicht mit dem Hans Chris­t­ian Ander­son … ;))

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  4. hans christian

    hel­lo Ihr Bei­den,

    vl. find­et ihr das auch inter­es­sant.
    Stich­wort ‘Geschichte der Arbei­t­erIn­nen’.

    ein Video, Gespräch auf rebell.tv mit dem “Hofhis­torik­er” von rebell.tv 😉

    es geht um die Rus­sis­che Rev­o­lu­tion, Anlass 90 Jahre. Berührt aber viel mehr, set­zt schon bei den Früh­sozial­is­ten und beim Bürg­er­lichen John Locke an, spricht die Rolle des deutschen Gen­er­al­stabs an, die Aus­for­mulierung der The­o­rie von Marx fast hun­dert Jahre nach der Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion, der “Ide­al­ist” Adams Smith etc. etc. etc.
    Video bei rebell.tv

    ja, und die Eigen­tums­frage. Die Eigen­tums­frage, die ger­ade heute wieder topak­tuell in die Tages­de­bat­ten zurück­kehrt. Und wo sich deutsche Gew­erkschaftler tat­säch­lich erblö­den, die Gehäl­ter von Man­agern der Wirtschaft­selite als gerecht zu vertei­di­gen.

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  5. RokkerMur

    Ich bin froh an einem Ort zu leben wo einst Vic­tor Adler kämpfte.Favoriten (nicht Gumpen­dorf) ist gemeint.
    @Werner
    Würde mich inter­ressieren die Geschichte der Arbei­t­erIn­nen.

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  6. Werner

    Dieses Zitat lese ich immer den Teil­nehmerIn­nen am Grab bzw. der Gedenkstätte am Zen­tral­fried­hof von Vic­tor Adler vor. Hier besuchen wir Stät­ten der Arbei­t­erIn­nengeschichte und verge­gen­wär­ti­gen uns die poli­tis­chen Geschichte unser­er Vor­fahren. Für diesen Bil­dungsansatz ging Adler öfters ins Gefäg­nis und bei schw­eren Kerk­er erlebte er den 1. Mai.

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