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Baharestan Platz, Teheran

Das Tian’anmen-Massaker liegt 20 Jahre zurück, zwei Jahrzehnte und ein paar Tage. Eine Gen­er­a­tion. Ein­mal Mündigkeit, Abschluss der Schul­bil­dung, Wehrpflicht. Ein­mal, in vie­len Welt­ge­gen­den immer noch die Regel, vor nicht allzu­vie­len Jahrzehn­ten sowieso selb­stver­ständlich: ein­mal von Geburt bis zur Eltern­schaft.
Die Bilder von Tian’anmen sind nicht vergessen.
Sick­ert jet­zt die Gewißheit ein, dass es sich ger­ade wieder­holt hat? ((ein Nach­trag: siehe dazu, dh. dazu, was am Fol­ge­tag als halb­wegs über­prüf­bar ver­i­fiziert wer­den kon­nte die Analyse von Nite­Owl.))

Im Juni 1989 war ich 17, übergewichtig, Außen­seit­er in der Sportk­lasse, wenig­stens nicht mehr so im Eck, dass ich die Arschkarte gehabt hätte; aber halt Einzel­gänger, unan­genehm bele­sen, freilich null Ahnung in Pop­kul­tur, pein­lich gewan­det, aber Haupt­sache mit ein wenig Weltlit­er­atur ver­traut, den Anderen ein Hor­ror im Stadt-Land-Spiel, wenn s hoch kommt 3x mal nem Mädel selb­st zusam­men gestellte Musikkas­set­ten geschenkt, ern­sthaft geglaubt, Hip­pies waren intel­li­gente philosophis­che Rebellen, meinen Vater ver­achtet, meine Mut­ter gehaßt und nicht gemerkt, dass ich sie verehre und es uner­widerte Liebe war, in Glob­algeschichte weit über die eurozen­tris­tis­che Schrei­bung hin­aus bewan­dert und die Gym­nasiallehrerIn­nen für fast jedes Fach außer Deutsch und Physik aus­lachend.
Den Weltschmerz hat­te ich schon seit eini­gen Jahren jongliert, und in der Hal­tung des Kapitäns von Siegfried Lenz’ Feuer­schiff hat­te ich eine Posi­tion gefun­den. Dass über­all auf dem Plan­eten Men­schen unter­drückt, gequält und ermordet wur­den, näm­lich laufend, das war mir bewusst. Und laufend hieß, näm­lich auch unab­hängig von ger­ade aktuellen, aber in mein­er Jugend (und mein­er Erin­nerung) sowieso fast alltäglichen Bilder und Bericht­en von Putschen und Kon­ter­putschen in Afri­ka oder Lateinameri­ka.

Vor dem Ende der Geschichte
Ich bin aufgewach­sen mit den Bildern der Mil­itär­pa­raden am Roten Platz, mit Fil­men wie ‘Der Tag danach’, mit dem All­t­ag des Golfkrieges und seinen Bildern vom Gaskrieg aus dem Shat El’Arab, mit der visuellen Omnipräsenz der Nuk­lear­sprengkör­p­er bestück­ten Langstreck­en­raketen in Zeit-im-Bild-Sendun­gen und mit dem Bewusst­sein, dass in den lateinamerikanis­chen Dik­taturen Regimekri­tik­erIn­nen ein­fach ver­schwan­den und entwed­er nach Jahren für Tod erk­lärt wur­den oder Jahre später Fotos auf­taucht­en, die ihren Tod bald nach dem Ver­schwinden bezeugten.
Und ich bin mit nur zwei Fernsehsendern aufgewach­sen, die noch dazu über viele Stun­den des Tages Schneegestöber zeigten und von denen ein­er nur dann vor 9.00 sendete, wenn Mar­vin “the mar­velous” Hagler boxte, die nach 18.oo kein Kinder- oder Jugend­pro­gramm mehr hat­ten (von OKAY am Son­ntag und von Sport am Mon­tag abge­se­hen), und die amerikanis­che, franzö­sis­che und ital­ienis­che Spi­onage-Filme mit ein­er Plot- und Dialogkom­plex­ität zeigten, die heute von höch­stens nur mehr von Filmwis­senschaft­lerIn­nen analysiert wer­den. Ich bin mit den einzig erträglichen Sendun­gen “Gugl­hupf” (wird eben eingestellt) und “Musicbox” (hab ich damals meis­tens nicht ver­standen) im Radio aufgewach­sen, in ein­er Stadt, deren näch­ste München war, welche wiederum max­i­mal die Spi­der Mur­phy Gang gegen den Aus­tro-Pop set­zen kon­nte.
Alles in allem: kalter Krieg.

Der Tian’anmen-Platz
Es ist aus der Dis­tanz nicht ein­sichtig, warum Tian’anmen in mein­er Erin­nerung eine her­vor­ra­gende Stel­lung ein­nimmt. Monate später, die Bilder von den unbekan­nten, höflich-gefasst sich freuen­den Men­schen, die da am Zaun auf­taucht­en, diese Bilder waren nicht weniger bewe­gend. Auf der Land­karte in meinem Kopf waren sie in gebrech­lichen Kisten durch dieses im Fernse­hen immer rot hin­ter der fet­ten schwarzen Lin­ie geze­ich­nete Ter­rain gefahren, hat­ten sich als Ungar­n­touris­ten inner­halb ihrer Ost­block­welt abge­seilt, ihre Woh­nun­gen und bish­eri­gen Leben zurück­ge­lassen und zuck­el­ten dann schüchtern durch einen frisch aufgeschnit­ten Stachel­draht.
Etwas später viel die Mauer, viel lauter, heller, greller. Natür­lich liefen mir auch da wieder, eben­so wie allen anderen, die Trä­nen herunter, bei den Bildern der fas­sungs­los durch Bran­den­burg­er Tor Strö­menden wie sie den fas­sungs­los am Kur­fürs­ten­damm Spazieren­den in die Arme fall­en.

In Moskau wieder­holten sich dann, in meinem Kopf trau­ma­tisch, aber mit anderem Ergeb­nis, die Bilder von sich vor Panz­er leg­en­den Men­schen.
Über­haupt fällt mir auf, dass meine Jugend mit medi­alen Bildern von vol­lkom­men selb­stver­ständlichen Panz­ern markiert ist, die dann irgend­wann wie spur­los ver­schwan­den.

Tian’anmen war anders. Tian’anmen war anders als Südafri­ka, anders als die Falk­lands, anders als El Sal­vador, anders als Bukarest, als Viet­nam, das Nass­er-Atten­tat, Ghan­di, die Flugzeu­gent­führun­gen, die Geisel­nah­men, die RAF und die Roten Brigaden, Ugan­da, die Killing Fields, Chile oder Argen­tinien, Nicaragua.

Tian’anmen war unge­heuer­lich. Tian’anmen war kein Satel­liten­staat son­dern Chi­na, die alte Kul­tur­na­tion, das rote Chi­na, vor dem sich sog­ar die Sow­jets fürchteten. Tian’anmen war kein Putsch, keine ungek­lärte poli­tis­che Sit­u­a­tion, keine Protest von hil­flosen Verzweifel­ten, denen man à la longe keine Chance gab, keine Gueril­laak­tion von Wider­ständlern, die gegen Gewalt Gegenge­walt set­zten.
Tian’anmen war die Ahnung von ein­er Weiche in der Uni­ver­salgeschichte. Tian’anmen war kein Spielfeld, auf dem schließlich die Sys­temgeg­n­er ihre Mar­i­onet­ten es aus­fecht­en lassen wür­den. Tian’anmen war ein Erd­beben, das die Welt mein­er Gen­er­a­tion erbeben ließ; bzw. zumin­d­est meine. Tian’anmen war eine andere Welt ist möglich, bevor ich den Spruch gehört hat­te oder auch nur denken hätte kön­nen.

Junge Men­schen gegen ein altes Regime, das plöt­zlich wie ein Aus­lauf­mod­ell der Geschichte wirkt.

Neda, twaz­zup, der immu­nisierende flash-back
Bald nach den ersten Bildern aus dem Iran war Tian’anmen wieder da. Bald nach den ersten Bildern aus dem Iran war der Schmerz, das Ohn­machts­ge­fühl, das Bewusst­sein der eige­nen Lächer­lichkeit wieder da. Natür­lich geht da mit den ersten Bildern aus dem Iran auch die Hoff­nung ein­her, dass es anders als am Tian’anmen enden möge. Aber die Hoff­nung ist kein vib­ri­eren­des Sehnen, nicht das Bitte-Bitte-Lass-es-gut-aus­ge­hen Hof­fen, es ist bar der emo­tionalen Vorauszahlun­gen auf ein Hap­py-End. Es ist abgek­lärt, fuck­ing real­is­tisch abgek­lärt. Wenn, dann ist es pro­phy­lak­tisch nüchtern kalkulierend: ja, es kann eine friedliche Rev­o­lu­tion wer­den, wahrschein­lich­er ist …

Die Bilder aus dem Iran kamen dies­mal nicht via Fernse­her, nicht via ZiB. Gäbe gar keinen Fernse­her mehr in meinem Haushalt. Fuck die Unter­hal­tungsin­dus­trie, die virtuelle Welt der Massen­me­di­en, deren Prob­lem qual­i­ta­tiv­en Nach­wuch­ses jenes der poli­tis­chen Parteien und Inter­essensvertre­tun­gen noch harm­los erscheinen lässt.

Neda” sehe ich auf dem youtube-Kanal eines iranis­chen Benutzers ster­ben. Da ste­ht der Zuse­herzäh­ler noch auf knapp über 200. Ein paar Stun­den später ist das Video von diesem iranis­chen Account gelöscht. Benutzer­richtlin­ien­ver­let­zun­gen schreibt Youtube. Aber da ist das Handy­cam-Video schon auf mehreren anderen englisch-sprachi­gen Accounts gespiegelt und ich habe “Neda” Ster­ben auch noch aus ander­er Handy­cam­per­spek­tive via Face­bookvideo gese­hen.
Noch einige Stun­den, und CNN wird das Video im TV brin­gen, etwas entschärft. Es war Zufall, dass ich es seit Stun­den kenne. Auf Twit­ter wird die Über­tra­gung von CNN mit einem Tri­umphge­heul beant­wortet, weil man als Crowd via Twit­ter CNN dazu bewegt habe. Ein Sieg für die Wahrheit.

Par­al­lel begin­nt der zunehmende Strom an Ankla­gen, warum Oba­ma schweige, warum die USA nicht ein­greife, warum den die immer so siegre­iche U.S.Army nicht schon im Iran für demokratis­che Ord­nung sorge. Oba­ma wird Mörder genan­nt, Amis entschuldigen sich für ihr Land und beken­nen, dass man in den USA offen­sichtlich keine Führung habe. Die Dynamik des schnellen web2.0 lässt diese Stim­mung in minuten­sprün­gen inten­siv­er wer­den und bin­nen Stun­den ein faszinieren­des Maß des Aus­drucks emo­tion­al gestres­seter Idi­otie erre­ichen.

Ich bekomme das alles über twaz­zup mit. Es ist beein­druck­end. Die stu­pid­en RT’erInnen sind bald von neuen Mel­dun­gen zu tren­nen. Die Stören­friede und Trit­tbret­tfahrerIn­nen leicht aus­ge­siebt. Gewis­sheit gibt es deswe­gen auch keine. Die gab es freilich nie. Alles andere ist eine Illu­sion der Massen­me­di­en, ihrer let­zten Ver­traut­en und Fans, mit müdem Auge­nauf­schlag zu quit­tieren. Die Nachricht­enredak­tio­nen von CNN abwärts haben ihre Qual­itäten. Ich schätze sie auch, aber sie über­schätzen sich. Men­sch muss immer noch ihre virtuelle Welt durch eigene Arbeit von dem Schmalz der auf­tragsmäßi­gen Epen­malerei freis­chälen.

Wie mit­ten­drin statt live dabei ist eine twaz­zuped rebel­lion?
Die emo­tionale Dis­tanz ist schmerzhaft. Sie tren­nt mich gle­icher­maßen von dem, was und wer ich mit 17 Jahren war, als auch mit vie­len, den meis­ten tweets, face­book-Ein­trä­gen etc.
Mit 17 wollte mein ganzes Ich nach Peking. Sofort. Ich wollte helfen, klar, auch dabei sein, aber eigentlich helfen. Das lese ich dieser Tage nun wieder in hun­dert, in tausend Vari­a­tio­nen. Plus der Hil­feschreie, warum wir denn nicht da wären, um zu helfen. Meine Fresse, du naives Ding, glaub­st Du echt, nur Ihr sterbt da ger­ade, werdet unter­drückt, geschla­gen und kämpft mit wenig Aus­sicht auf Erfolg für eine bessere Welt?

Nein, das denkst Du natür­lich nicht. Deine Gedanken sind nicht bei den anderen Unter­drück­ten, ungerecht miss­braucht­en, jet­zt ger­ade Ster­ben­den und Ermorde­ten. Deine Gedanken sind nicht bei den anderen, so wie “unsere” bei Dir sind. Aber Du sitzt auch nicht in Wien am Lap­top mit Dock­ing-Sta­tion und Wlan. Oder in irgen­deinem Kaff in Europa oder den USA. Du hast wirk­lich Angst. Du hast vielle­icht auch dif­fuse, aber konkrete Äng­ste.
Deine Gesellschaft wird ger­ade trau­ma­tisiert, nach ein paar Tagen mit­tel­ruhi­gen Sta­tus Quo jet­zt wohl gezielt mit bru­talem und bewusst exem­plar­ischen Massen­mord trau­ma­tisiert auf zwei, drei weit­ere Gen­er­a­tio­nen hin­aus.

Du wirst ger­ade zur Mit­tä­terIn gemacht, weil Du damit umge­hen wirst müssen (, wenn es Dich nicht kap­put macht), in den näch­sten Jahrzehn­ten in dieser Gesellschaft zu leben. Du wirst ver­drän­gen müssen und nicht vergessen kön­nen, und Du wirst dem Selb­stvor­wurf, über­lebt zu haben und nicht zer­hackt wor­den zu sein, let­zlich mit Ver­drän­gung beant­worten müssen. Du wirst das Regime und die Gesellschaft irgend­wann irgend­wo irgend­wie vertei­di­gen, weil diese Vertei­di­gung der Gesellschaft, in der Du leb­st, Dir eine psy­chol­o­gis­che Notwendigkeit zur Recht­fer­ti­gung Deines Über­lebens sein wird, wo doch Deine Brüder und Schwest­ern ermordet wur­den. Du wirst Dich immer schuldig fühlen, so wie die über­leben­den Juden, so wie die Über­leben­den der Gen­er­a­tion vom Tian’anmen.

Toter vom Baharestan Platz

Tot­er vom Baharestan Platz (Bild aus diesem Bericht)

Aber Du bist vere­int. Nicht nur Du wirst Dich schuldig fühlen, da Du nicht helfen kon­ntest und nicht ster­ben durftest, auch die Täter wer­den durch ihre Tat für immer an diesen Moment gebun­den sein. Sie wer­den auch ver­drän­gen müssen. Ihr werdet in der gle­ichen Gesellschaft älter wer­den. Ver­bun­den durch die Erin­nerung an etwas, was eure Gesellschaft definieren und von ihr tabuisiert wer­den wird.

Ihr seid jet­zt schon Ver­bün­dete, nein nicht frei­willig, nicht wissentlich, nur dass jene, die das Befohlen haben, das jet­zt schon wis­sen und in ihren Kalku­la­tio­nen ein­be­zo­gen.

Was heißt hier ‘unimag­in­able hor­ror’?
Die Herrschaft des Total­i­taris­mus hat (nur) wieder ein­mal ihre Fratze gezeigt, die Larve abgestreift und gezeigt, was ihre Mit­tel, Instru­mente, Möglichkeit­en sind, wenn sie sich ange­grif­f­en fühlt. Das macht es nicht weniger ver­ab­scheuenswürdig und unverze­ich­lich. Die Herrschaft des Total­i­taris­mus hat ihre Krüp­pel herange­zo­gen, gehort­et und hat sie jet­zt tat­säch­lich brauchen kön­nen. Sie hat die geschädigten, aufge­het­zten Zukurzgekom­men mit den Skru­pel­losen und den von ihrer Pflicht­vers­essen­heit Aufge­so­ge­nen zusam­men in Gesicht­slose Lar­ven gesteckt und ihnen einen Feind gegeben, an dem ein Exem­pel zu sta­tu­ieren sei.
Das Exem­pel diene der Aufrechter­hal­tung der Ord­nung. Der Aufrechter­hal­tung nicht irgen­dein­er Ord­nung, son­dern der, der Gesellschaft. Es gin­ge um das Wohl, um die Zukun­ft, um die Gesund­heit der Gesellschaft. Das Exem­pel sei so zu vol­lziehen, dass es als eine saubere Oper­a­tion betra­chtet wer­den könne, dass keine weit­eren Krankheit­sherde mehr zurück blieben.
Die Axt als Skalpel sei hier ange­bracht. Die Men­schheit hat Übung, oder sagen wir wenig­stens, Erfahrung darin.

httpv://www.youtube.com/watch?v=mEtVRgZ3Szw

Ich ers­pare mir die Bezüge zu Öster­re­ich, zum Mob gar nicht so ent­fer­n­ter Tage (die Trau­ma­tisierten aller Seit­en leben noch) und zum Mob dieser Tage. Vor allem ers­pare ich mir den Bezug zu den total­itär geherrscht Haben­den der gar nicht so ent­fer­n­ten Tage und zu den total­itär herrschen Wol­len­den dieser Tage.
Wer hier, ‘das kann man aber wohl nicht ver­gle­ichen schre­it’, denen ist so oder so kaum zu helfen. Schon gar nicht in einem Blog­Post öffentlich pri­vater Trauer­ar­beit.

In mein­er Lebenss­panne gehen sich noch zwei, drei und vielle­icht viel Baharestan oder Tian’anmen Plätze aus. Und das Phänomen ist keines mein­er Lebenss­panne. Was heißt also schon “unglaublich” und “unvorstell­bar” als Adjek­tiv vor dem sub­stan­tiv­en Hor­ror? Heißt es, dass wir nicht glauben wollen, dass wir es uns nicht vorstellen wollen? Oder heißt es, dass wir nicht glauben und uns nicht vorstellen kön­nen, was hier passiert?

Es ist krank” … reicht nicht
Das erin­nert mich an eine trau­rige Erfahrung, an die ich mich aus anderen Grün­den schon vor weni­gen Wochen zurück erin­nert habe: die Wochen und Monate nach 9/11. Damals war ich noch regelmäßiger und inten­siv­er fm4-Hör­er und v.a. -Leser. Fm4-Home­page that is.
Nach dem Kol­laps der Türme set­zte mit geringer Pause umge­hend eine kollek­tive Bew­er­tung des Geschehenen ein. Die Artikel erk­lärten uns das Entset­zen und sie erk­lärten uns das Entset­zen als gerecht­fer­tigt. Und dann erk­lärten sie uns das Entset­zen als einzige gerecht­fer­tigte Reak­tion und Umgangs­form. Sie erk­lärten uns, dass wir alle Amerikan­er seine, und scheiß auf den Kon­junk­tiv, waren. Der wahre Kern wurde hin­fäl­lig, als jegliche Abwe­ichung von dieser Posi­tion zur Wider­wär­tigkeit im Angesicht der Katas­tro­phe ernan­nt wurde.

Die Atten­täter hat­ten nicht nur krank zu sein, sie mussten über Monate hin­weg nur und auss­chließlich krank sein. Wer nicht aus­re­ichend entset­zt oder wer nicht aus­re­ichend ver­wun­dert war, war verdächtig. Das hieß in des Blumenau’s Welt auch schon schuldig. Da war kein Platz für fm4-HörerIn­nen und -LeserIn­nen, die eben­so mit Joseph Con­rad wie mit den Mar­vel Comics aufgewach­sen waren, deren imag­inäre Welt eben­so aus dem Karako­rum wie aus dem Mit­tel­west­en bere­ichert wurde, die gle­icher­maßen mit Rod­ney King wie mit Andrei Sacharow etwas anfan­gen kon­nten und die vielle­icht weniger mit der Pop­kul­turgeschichte ver­traut als in der Geschichte Chorasans bewan­dert waren.

Ich bin nun dop­pelt schuldig, dop­pelt wider­lich. Mir hat nicht nur die Euphorie grüngetüncht­en der sup­port-free­dom-in-iran-com­mu­ni­ties einen Stich ver­set­zt, der mich an meine Euphorie angesichts des Früh­lings am Tian’anmen erin­nert hat, und an meine dümm­lichen Anwand­lun­gen als 17jähriger dort hin­fliegen und helfen zu wollen. Was helfen? Ich hätte schon den Weg von einem Flughafen zum Tian’anmen ohne Hil­fe nicht geschafft.
Jet­zt ist es auch noch so, dass ich mich bere­its über unser aller, nicht ein­mal noch bewiesene Reak­tion miß­mutig äußere.
Weit herge­holt ist es freilich auch nicht, dass wir zu Cola, Grü­nen Vor­wahlen, Tatort und tage­spoli­tis­ch­er Unter­hal­tungsin­dus­trie zurück­kehren wer­den. Ist kaum weit herge­holt, weil ja auch kaum jemand hochge­blickt hat von der tage­spoli­tis­chen indus­triellen Unter­hal­tungs­maschiner­ie, von Sushi, Cola, Grü­nen Vor­wahlen-Empörung und twit­ter-Selb­stre­f­erenz.

Einen Unter­schied machen
Nope, das ist nicht mal eine abgek­lärte Weisheit, dass sich die Welt wei­t­er­dreht, dass gut essen, schlafen und fick­en immer noch das wichtig­ste im Leben ist. Es ist ein­fach und tat­säch­lich so. Der Wider­spruch zu den Ereignis­sen am Baharestan und zum eige­nen, hof­fentlich guten Leben ist ein schein­bar­er. Er lebt vom ’nicht-glauben-wollen’, dass die Welt so oder so so ist und immer so war, immer so bleiben wird. Wenn wir nicht glauben wollen, was alle 20 Jahre drastisch über unleug­bare Ereignisse bewiesen wird, dann kommt uns das unge­heuer­lich vor. Als müsste die Welt ste­hen bleiben. Als müssten wir das anhal­ten kön­nen. Als müssten der U.S. Präsi­dent doch jet­zt bitte ein­schre­it­en und alles wieder gut machen. Schmecks, die Welt ist nicht gut. Genau­so wenig wie schlecht.

Diese Woche stre­it­en tausende IT-lerIn­nen für gut 600 Arbeit­splätze, weil der Fir­menteil der Siemens schon seit Jahren geschröpft wird und auch jet­zt die Mil­liar­dengewinne das Ver­ständ­nis erschw­eren, warum mehr als 600 Mitar­bei­t­erIn­nen abge­baut wer­den müssen. Wen kratzt das? Deut­lich weniger Men­schen als das pein­liche und eben­so arro­gante wie ver­lo­gene Bierver­bot im Muqua.

Woche für Woche müssen Men­schen Öster­re­ich ver­lassen, inklu­sive der Exis­tenz, die sie sich hier aufge­baut haben, inklu­sive der Fre­unde, die sie hier gewon­nen haben. Ganze Gemein­den, die ihre Abschiebung ver­hin­dern wollen, weil sie die Abzuschieben­den als die Ihren anse­hen. Woche für Woche wer­den Men­schen abgeschoben, von denen uns die Massen­me­di­en freilich nicht erzählen, wie es ihnen im frem­den Land erge­ht, in das sie zurück abgeschoben wur­den. Ob sie dort auskom­men, nicht auskom­men, einges­per­rt wer­den, zu Tode kom­men.

Jahr für Jahr wer­den die mehr, die arbeit­en aber nicht auskom­men. Es wer­den die mehr, die sich für Leis­tungsträger hal­ten, immer weniger für das Gemein­wohl beitra­gen, sich aber ern­sthaft als Opfer ein­er rigi­den Gesellschaft betra­cht­en und Rechte ein­fordern. Ihnen fällt gar nicht auf, dass sie nicht die Schwachen in der Gesellschaft sind, son­dern die Kaiser; dass der Umstand, dass ihnen die Medi­en aus der Hand fressen, dass allein das ein Indiz dafür sein kön­nte, dass sie unver­hält­nis­mäßig viele Rechte haben. Was hat diese Ungerechtigkeit hier mit jen­er dort zu tun? Was hat unser Wohl­stand mit den Entwick­lungslän­dern zu tun? Was hat unser Handy mit der Überwachungtech­nolo­gie im Iran zu tun? Was der Arbeit­skampf der Angestell­ten bei Siemens mit der Wirtschaft­skrise und dem Umstand zu tun, dass wir alle gemein­sam Wahl­gang für Wahl­gang noch unver­hohlenere Dile­tant­tIn­nen wählen und die Ver­ant­wor­tung für jegliche Mis­ere immer unver­hohlen­er auf stereo­type Sün­den­böcke schieben?

Der Spiegel von Baharestan kann uns wenig über den Iran sagen. Wir kön­nten höch­stens viel über unsere Gesellschaft, Sit­u­a­tion, Lage und uns als Per­so­n­en erfahren.
Wird freilich anders kom­men. Die Def­i­n­i­tion der Bedeu­tung von Baharestan wird ein­deutig sein, die Emo­tio­nen wer­den tief greifen, die nicht ange­bracht­en wer­den zurück­gewiesen, die Reflek­tion auf die eigene Befind­lichkeit und Gesellschaftssi­t­u­a­tion wer­den die Kom­men­ta­toren aber im Angesicht der Ereignisse zurück­stellen und erst wieder für die wichti­gen Ereignisse wie web2.o-Initiativen, kärnt­ner Fürze und Kro­nen Zeitung Leser­briefe aus­pack­en.
Ich bitte um Entschuldigung, aber dies ist sowieso ein pri­vates Blog, Psy­chohy­giene ist eine Hype-Ver­anstal­tung und ich bin müde, habe an der ein­heimis­chen Droge geschlürft und nie behauptet, dass ich gesund wäre.

Oh, und damit das nicht unge­sagt bleibt, natür­lich kann jed­er von uns einen Unter­schied machen.

Anhang I:
Die hof­fentlich nicht let­zten tweets von @persiankiwi, einem jen­er live und via Mobile­phone aus dem Iran Berich­t­en­den, dessen Tweets ver­i­fiziert wer­den kon­nten und für authen­tisch zu nehmen sind. Bevor ich heute abend weg gegan­gen bin, hat­te @persiankiwi ger­ade begonnen, ziem­lich beun­ruhi­gende und sehr gerne als über­trieben emp­fun­dene tweets abzuset­zen.

Nach­dem ich wieder nach hause gekom­men bin, sich die Berichte von einem “Mas­sak­er” zu verdicht­en begonnen haben, habe ich aktuelle tweets von @persiankiwi ver­misst. Das muss noch nichts heißen, Zeitver­schiebung und so. Andere machen sich aber offen­sichtlich auch Gedanken und Sor­gen. Von dieser Auf­stel­lung hier hereinkopiert, chro­nol­o­gisch die let­zten Mel­dun­gen vom 24. Juni 2009, der möglicher­weise als  Tag der Baharestan Ereignisse in Geschichts­büch­er einge­hen wird:

  • just in from Baharestan Sq — sit­u­a­tion today is ter­ri­ble — they beat the ppls like ani­mals -
  • I see many ppl with bro­ken arms/legs/heads — blood every­where — pep­per gas like war -
  • they were wait­ing for us — they all have guns and riot uni­forms — it was like a mouse trap — ppl being shot like ani­mals
  • saw 7/8 mili­tia beat­ing one woman with baton on ground — she had no defense noth­ing — #Iran­elec­tion sure that she is dead
  • so many ppl arrest­ed — young & old — they take ppl away -
  • ppl run into alleys and mili­tia stand­ing there wait­ing — from 2 sides they attack ppl in mid­dle of alleys
  • all shops was closed — nowhere to go — they fol­low ppls with heli­copters — smoke and fire is every­where
  • phone line was cut and we lost inter­net — #Iran­elec­tion — get­ting more dif­fi­cult to log into net -
  • rumour they are track­ing high use of phone lines to find inter­net users — must move from here now — #Iran­elec­tion
  • reports of street fight­ing in Vanak Sq, Tajr­ish sq, Aza­di Sq — now — #Iran­elec­tion — Sea of Green — Allah Akbar
  • in Baharestan we saw mili­tia with axe chop­ing ppl like meat — blood every­where — like butch­er — Allah Akbar -
  • they catch ppl with mobile — so many killed today — so many injured — Allah Akbar — they take one of us
  • they pull away the dead into trucks — like fac­to­ry — no human can do this — we beg Allah for save us -
  • Every­body is under arrest & cant move — Mousavi — Kar­roubi even rumour Khata­mi is in house guard
  • we must go — dont know when we can get inter­net — they take 1 of us, they will tor­ture and get names — now we must move fast -
  • thank you ppls 4 sup­port­ing Sea of Green — pls remem­ber always our mar­tyrs — Allah Akbar — Allah Akbar — Allah Akbar
  • Allah — you are the cre­ator of all and all must return to you — Allah Akbar -

[Update: die taz hat einen infor­ma­tiv­en Artikel zu @persiankiwi veröf­fentlicht.]

Anhang II:
Andrea Maria Dusls Ein­trag zu Baharestan, auch son­st weit­ere Infos, Berichte, Links bei der Coman­dan­ti­na Dusilo­va.

Anhang III:

Die taz am 30.6. zu einem kol­portierten Leben­sze­ichen von @persianwiki, dem Baharestan Ereignis­sen und mehr.

3 Kommentare zu “Baharestan Platz, Teheran”

  1. philipp meier

    bin dank dem hin­weis von sms hier gelandet. auf­schlussre­iche gedankengänge…

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  2. /sms ;-)

    als euer altes väterchen, möchte ich euch noch darauf hin­weisen, dass es den freudi­gen begriff der “Über­tra­gung” (wikipedia: Über­tra­gung) gibt … das ist, was mir am artikel vom keller­a­bteil so gut gefällt. weil er/DU! so der eige­nen sicht auf die schicht­en der eige­nen geschichte nachgehst. und damit erahn­bar machst, welche ver­men­gun­gen und ver­mis­chun­gen bei all den vie­len, schnellen über­tra­gun­gen sich da einen denk- und fühlraum in dir erschliessen…

    meine pro­file habe ich (natür­lich) auch grün einge­färbt. aber: “wo bleibt eigentlich MEINE stimme?” nein: nicht dort im iran! in jen­em gebi­et, wo uns schon seit ewigen zeit­en die schön­sten fan­tasien durchge­hen … annemarie schwarzen­bach: «Diese fer­nen Gegen­den sind genau gemacht um uns zit­tern zu lassen vor allem, was man nur ahnt und etwas einem doch ange­ht.» nein: ich meine: hier. bei uns! hier&jetzt!

    wäre das eine erk­lärung, warum wir so anteil nehmen am iran? weil wir eine über­tra­gung machen? dort sehen, was wir bei uns nicht getrauen für wahr zu nehmen?

    im übri­gen: ich fände es auch gar nicht so süm­patisch, mich in die hy*storischen huch!befreiungsaktionen aus dem west­en im iran zu beteili­gen: http://de.wikipedia.org/wiki/Iranische_Revolution 😉

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  3. farolito

    Wirk­lich beein­druck­ender Artikel, wir dürften unge­fähr eine Gen­er­a­tion sein, somit kann ich viel vom geschriebe­nen nachvol­lziehen. Sach­lich, wie emo­tion­al.

    lG
    faroli­to

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