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Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer: „Lohn-Preis-Spirale“-Argumentation

Der Altweibersommer kündigt sich an. (Lieblingsjahreszeit!)
Seit ein paar Tagen wird der erste Sturm der Saison in Kreide auf den Tafeln der Wirtshäuser angeschrieben. (Noch gar keinen getrunken, eh noch zu wenig Gärung.)
Und die Herbstlohnrunden kündigen sich an. (Hab ich letztes Jahr genug dazu geschrieben. Siehe ganz unten. )

Der Kreislauf von Werden und Wachsen, Reifen und Sterben, alles wie gehabt, die ewige Wiederkehr im jahreszeitlichen Rhythmus.

Wie s Amen im Gebet auch: die Interessensvertreter der Arbeitgeberseite „mahnen“ (das muss ich schon unter Anführungszeichen setzen) „maßvolle Lohnrunden“ ein. Soll heißen,

geht’s Bitte, findet’s euch damit ab, ihr werdet’s nichts rausholen. Es steht euch nichts zu, seid froh mit dem was ihr bekommt und das ist gut so.

Eröffnet hat das jährliche Spiel hierzulande … eh klar … Industrielobbyist (und nebenbei Bundesminister) Bartenstein. Hey, it’s the tradition, stupid!

Jene Interessensvertreter, deren Mahnungen mit dem pädagogischen Zeigefinger des Wirtschaftsexpertentums daherkommen sollen, ja, auch von der Seite wurde schon gemahnt. Think Felderer, und du liegst richtig.
Es gibt zwar hunderte WirtschaftswissenschaftlerInnen und -expertInnen. Viele davon fachlich um Eckhäuser kompetenter. Freilich, darum geht’s nicht. Don’t be naive! Gesellschaften haben ihre Arbeitsteilung. Und Bernhard Felderer ist nicht eigentlich der Experte, er ist das unheilschwangere Orakel. Er füllt die Rolle des Sehers aus. ((Ihr kennt die Figur z.B. aus Asterix. Buuuaaaa. Wir kauern uns an einander, zittern und harren gebannt der Augurensprüche.)) Mensch muss nur beobachten, von wem der Seher auf s Podest gestellt wird, wo?, wie? und wann?

Interessante Diskussion via Postings im derstandard.at
Eines der ebenfalls ewig wiederkehrenden Argumente (für die „maßvollen“ KV-Erhöhungen) ist jenes der „Lohn-Preis-Spirale„. Da steigt mir sowieso schon immer das Geimpfte auf, bei diesem Argumentationsvorschub. Diese Argumentation muss mensch sich mal auf der Meta-Ebene auseinander pflücken. Allein sprachlich. Was wenn wir die Lohn-Preis-Spirale zur Preis-Lohn-Spirale umbenennen würden? Was passiert da mit der Wahrnehmung der Kausalzusammenhänge, ha?
Ich visualisier‘ es noch mal spitzer:

Lohn→Preis→Spirale oder Preis→Lohn→Spirale

wo ist der Unterschied?  😈

Aber egal. Eigentlich war der Anlass für diesen Eintrag eine über Postings im derstandard.at geführte Debatte. Und die will ich (mir) hier dokumentieren. Archvieren, so wie sich das für ein Kellerabteil gehört. Zuerst ein Screenshot des Artikels, in Folge dessen sich die Debatte entspannt hat:

Screenshot des Artikels

… und jetzt die Debatte selbst

Kommentar von „europa fassen“ (30.08.2008 21:20):

„Lohn-Preis-Spirale“, bitte nicht verschei$$ern!
Rechnen wir mal nach:

Inflation: derzeit 3.8%
Lohn: durchschn. 3%
Lohnquote: 60%, fallend
Gewinnquote: 40%, steigend

60% Lohnquote mal 3% Lohnerhöhung ergibt:
Lohn-Preis-Spirale = 1.8%

Wohin geht der 2% Rest der Inflation?
In die Gewinnerhöhung.

40% Gewinnquote mal X Gewinnerhöhung ergbit:
Gewinn-Preis-Spirale = 2%

Man kann ausrechnen, X = 5%!

Die Löhne stiegen um 3%.
Die Gewinne stiegen um 5%.
(und damit wurde die Lohnquote weiter gesenkt)

Wer ist da der Inflationstreiber???

Die Lohnarbeiter sind derzeit inflationsbremsend!!
Die Shareholder und die sonstigen Einkommen-ohne-Sozialabgaben beziehenden sind inflationstreibend!!

Leitl’n, bitte bei der Wahrheit bleiben.

Antwort von „Mr. Hyde sen.“ (31.08.2008 09:52):

Re:
Du machst Dir’s zu einfach.
Inflation: Einesteils hausgemacht (Lohnkosten) andersteils importiert (trifft AG und AN)

Lohn: Die Lohnnebenkosten verteuern jeden einzelnen Euro nochmals zusätzlich. – Wie wär’s mit einer Senkung dieser Kosten, sodass für den AN real mehr als 3% und für den AG weniger als 3% herauskommt?
Weiters sollte man zuerst dafür sorgen, dass sich alle Untenehmen an die Gesetze halten.
Es nützt nichts, wenn man die kleinen Betriebe kontrolliert und sich von den (bereits steuerbegünstigten) Konzernen unter Druck setzen lässt…

Gewinnquote: Vorwiegend durch Zentralisierung und Outsourcing verursacht, sowie optimierungen im AN Bereich (ausländische Billiglohnkräfte).
Also jenen Bereichen, die durch eine starke Lohnrunde begünstigt werden.

Rückantwort von „europa fassen“ (31.08.2008 10:31):

Re: Re:
Die hausgemachte Inflation hat Anteile aus der Lohnerhöhung (1.8%) und aus der Gewinnsteigerung (2%). Ich wende mich entschieden gegen die Darstellung einer Lohn-Preis-Spirale, welche die viel stärkere Gewinn-Preis-Spirale unter den Tisch fallen lässt. Diesen Betrug macht die WKÖ ind IV.

Die Begriffe Lohnquote und Gewinnquote sind „vor Steuern und Abgaben“ definiert. Nach Steuern und Abgaben ist die Lohnquote nochmals um 45% geringer und die Gewinnquote um etwa 15 – 20% geringer.

Mir reicht’s !!

Gegen das Steuerungleichgewicht muss politisch vorgegangen werden.
Gegen das Gewinn/Lohnungleichgewicht muss mit gewerkschaftlichen Mitteln vorgegangen werden.

Gründe gibts genug.

noch einmal eine Antwort von „Mr. Hyde sen.“ (31.08.2008 10:57):

Re: Re: Re:
Gewinnsteigerung: Woraus resultiert diese.
Osterweiterung
Outsourcing,
„Optimierung von Arbeitsplätzen“.

Eigentlich schon peinlich, wenn ein Österreicher nach Ungarn ins Callcenter arbeiten gehen muss, um von dort aus österreichische Kunden mit dem gewohnten Dialekt zu versorgen, oder?

Und gegen das Gewinn und Lohnungleichgewicht musst Du mal vorerst politisch vorgehen. Bevor Du wieder auf die Unternehmer losgehst.

Mit Streiks erwischt Du nämlich nur jene, die versuchen, einheimische Arbeitsplätze zu behalten.

wieder Antwort von „europa fassen“ (31.08.2008 11:24):

Re: Re: Re: Re:
Gewinnsteigerung resultiert aus:
Osterweiterung
Outsourcing,
„Optimierung von Arbeitsplätzen“.
Völlig Deiner Meinung, das sind die Mechanismen.

„Peinlich“ finde ich das Arbeiten im ungarischen Callcenter an sich nicht. Ich denke aber, dass im Osten die Löhne bald angeglichen sind, dann hört sich das Outsourcen eh auf. Die holen schnell auf.

OK, zuerst politisch vorgehen und das heißt für mich Aufklärung der Leute. ZB. indem ich die Verdrehungen (Lügen?) der derzeitigen Machtträger aufdecke.

So ist auch mein Initialkommentar oben gemeint gewesen.

darauf wieder „Mr. Hyde sen.“ (31.08.2008 11:36):

Re: Re: Re: Re: Re:
Das macht nichts,
Sogar in Ungarn gibt es ein großes Gefälle zwischen Ost und West.

Global lebt unsere Wirtschaft von Billiglöhnen und den Billigresourcen der Armutsstaaten.
Lokal lebt sie von den Preisgefällen in Nachbaarstaaten.

Wenn ich einen Flieger voll AN’s Monatlich nach Indien verschippere, könnt ich das sogar steuerlich abschreiben, und würde ebenfalls ein billiges Callcenter betreiben können.
Umwelttechnisch natürlich fraglich. 😉

Unter politisch vorgehen meinte ich, dass Unternehmer, die sich die teure inländische Arbeitskraft leisten, nicht noch zusätzlich bestraft werden.

Und das beginnt damit, dass man nicht jeden Herbst die Arbeitnehmer gegen die Arbeitgeber ausspielt.

uns schließlich noch einmal „europa fassen“ (31.08.2008 13:39):

Re: Re: Re: Re: Re: Re:
Da hast Du mich falsch verstanden
Ich wettere nicht gegen „die Unternehmer“. Ich weiß doch, dass die breite Masse von denen im selben Boot sitzen wie die Arbeitnehmer. Die Boutiquebesitzerin oder der Friseur spürt den Kaufkraftverlust sofort.

Ich wettere nur gegen die Unternehmervertreter, die nur auf’s Großkapital schauen, wie zB. Leitl, Bartenstein oder Veit Sorger.
Und genaue die kommen mit Begriffen wie „Lohn-Preis-Spirale“, welche einfach zu widerlegen sind.

Anderseits funktionieren poitische Prozesse nur so. Die AN müssen beim AG Druck machen. Wenn’s weh tut, machen die dann bei deren Vertretern Druck umzudenken.
Anders geht’s kaum.

dann noch:
Kommentar von „Graf Bobby“ (30.08.2008 22:51):

Hauptproblem importierte Inflation
Ich habe das Argument für eine maßvolle Lohnrunde nicht ganz verstanden. Wenn wir davon ausgehen, dass wir i.w. eine importierte Inflation erleben (Lebensmittelpreise wegen Biosprit und chinesischer etc. Nachfrage; internationale Erölpreise), dann stellt sich die Frage, wie ein nicht-maßvoller Abschluss überhaupt die Inflation weiter anheizen wird (ungeklärt ist auch, ob nicht ein Gutteil das zusätzliche verfügbare EInkommen eh gespart wird).

In D laufen die Verhandlungen ebenfalls an und es zeichnen sich Ergebnisse zumindest jenseits der 4% ab. Werden wir nicht versch**ßert, wenn man dann in Ö moderate Lohnrunden verlangt?

Bin aber rationalen Gegenargumenten aufgeschlossen…

Antwort von „europa fassen“ (31.08.2008 00:03):

Re:
Sie haben recht
Die importierte Inflation kann durch unserer Lohnpolitik nicht beeinflusst werden. Also absolut kein Argument für eine Lohnzurückhaltung.
Der Erdölpreis wird sich beispielsweise von unseren Lohnrunden nicht beeinflussen lassen.

Als Hauptproblem würde ich die importierte Inflation aber nicht bezeichnen. Erstens ist diese grad niedriger als unsere Inflation, zweitens wird der Effekt auf unsere Inflation gern größer dargestellt, als er ist.

Schätzen Sie mal bei allen Einkäufen, wieviel des Preises da wirklich ins Ausland geht. Ich weiß es nicht, ich sagmal durchschnittlich 10%.

Wenn’s so wäre, dann würde jedes Prozent importierte Inflation nur 0.1% zu unserer Inflation beitragen.

Die hausgemachte Inflation ist weit wichtiger.

2 Kommentare zu “Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer: „Lohn-Preis-Spirale“-Argumentation”

  1. Zugeschlagen - tobes blog

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