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wörter mit zeichen verwechseln schafft nich x n 5jähriger. ich schon.

buttere den das textfragment daher mit genervtem schwung hier rein und mach mich an den vollkommenen umbau …

einreichung prix ars electronica – kategorie digital communities

the ubiquitous unibrennt cloud

Projektbeschreibung

Mit unibrennt wird kein Projekt einer ,digital community‘ eingereicht sondern ein Ereignis. Diese Vorbemerkung liegt insofern auf der Hand, als es sich in der Konsequenz hier nicht um eine Projektbeschreibung handeln kann sondern um eine Ereignisbeschreibung.

Das, was da ausgehend von den Nachmittagsstunden des 22. Oktober 2009 explodiert ist und binnen Minuten zu etwas Neuartigen zu emergieren begonnen hat, war zu keinem Zeitpunkt ein geplantes oder nur planbares Projekt. Was sich da in den folgenden Tagen und Wochen in selbstorganisiertem Chaos herausgebildet hat, kann adäquat nur als Emergenz einer neuen sozialen Bewegung verstanden werden.

Der Ereignisbegriff gegenüber dem Projektbegriff markiert eine der grundlegenden Charakteristika des Phänomens unibrennt. Die Beurteilung dieses Ereignisses kann nur gerecht werden, wer den gravierende Unterschied dieses spontanen und unwahrscheinlichen Ereignisses mit dem üblicheren Regelfall einer Initiative oder eines Start-Up Projekts in Betracht zieht.
Ohne den Einsatz von Projektmanagement und die Abfolge gesteuerter Projektphasen, ohne die Formulierung der Vision und (Geschäfts-)Idee, die Festlegung von Zielen, Maßnahmen und Aufgaben, ohne den Einsatz von Projektbudgets und Professionisten ist diese Bewegung binnen Stunden entstanden, binnen Tagen explodiert und hat binnen weniger Wochen eine Infrastruktur, Organisationskapazität, einen Vernetzungsgrad, eine Beteiligung und ein Archiv aufgebaut, wie das viele erfolgreiche Initiativen und Projekte in Jahren nicht erreichen.

Bis heute ist schwer zu fassen, zu benennen und zu charakterisieren, was unibrennt (alles) ist. Konsens besteht darüber, dass es sich beim Ereignis unibrennt um eine Protestbewegung handelt. Unbestritten ist, dass wir es mit einer außerparlamentarischen Form der Selbstorganisation zu tun haben und mit der politischen Manifestation eines ,brennenden‘ gesellschaftspolitischen Interessenskonflikts.
Es ist evident, dass unibrennt als singuläres Ereignis mit eigenem Rang in die Analen der Zeitgeschichte eingehen wird. Aber auch in der fachspezifischen Geschichtsschreibung mancher gesellschaftlicher Teilbereiche ist bereits einiger Platz reserviert. So wird u.a. in der Geschichte der Protestbewegungen das Ereignis unibrennt zu berücksichtigen sein, in der Geschichte der Universitäten und der Hochschulreformen und sicherlich in den Analen des web2.0 und in der Geschichte der Netzkultur.

Politische Aktion, soziale Bewegung und digital community

Die Bewegung unibrennt hat viele Hörsäle und Räumlichkeiten auf einer Vielzahl von Universitäten, Akademien und Fachhochschulen in mehreren Ländern besetzt und über Wochen besetzt gehalten. Über Wochen sind große Mengen von Menschen bei Demonstrationen auf die Straße gegangen und haben Aktionen an den umkämpften Hochschulen und im öffentlichen Raum abgehalten. Millionen Menschen haben über klassische Massenmedien von den Protesten erfahren. Hunderttausende Menschen konnten und haben sich mittels der eigenen und autonomen unibrennt-Medienkanäle über die Geschehnisse, Hintergründe und Forderungen informiert. Und immer noch Zehntausende haben mittels dieser Kanäle an den Protesten partizipiert, sich aktiv beteiligt und die Bewegung mitorganisiert.

Die Bewegung unibrennt gewinnt in den ersten Wochen jene Bedeutung und Präsenz, die ihr Solidaritätsbekundungen und Anteilnahme aus verschiedenen Teilen der Bevölkerung, aus diversen gesellschaftlichen Feldern und international aus vielen Ländern einbringt. Bildungs- und Universitätspolitik wird in Österreich das erste Mal seit Jahrzehnten zum omnipräsenten, relevanten und breit diskutierten Thema; in den klassischen massenmedial konstruierten Räumen (Tageszeitung, Magazine, Radio und Fernsehen), auf der Straße und vor allem im Netz.
Die Proteste breiten sich flächenbrandmäßig im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus aus. Ziemlich einhellig bedanken sich SympathisantInnen und selbst Gegner der Bewegung dafür, das Thema Bildungspolitik wieder in den Mittelpunkt öffentlicher Debatte gebracht zu haben. Diese Debatte erhält permanente Nahrung von den Brennpunkten des Protests; und diese sind in und rund um die besetzten Hörsäle ebenso zu finden wie im Netz auf diversen social network Plattformen, den Postingforen der Massenmedien oder der Homepage, dem Wiki und dem Livestream von unibrennt.

Während Minister, Parteipolitiker, JournalistInnen und Kommentatoren beklagen, dass die Bewegung keinen Kopf, keine SprecherInnen und keine zentrale Führung hat, zwingt die allgegenwärtige Präsenz der Bewegung, die ubiquitous cloud unibrennt, den österreichischen Bundesminister zur Freigabe zusätzlicher Millionenbeträge, PolitikerInnen zur Anerkennung der brennenden Probleme und die Massenmedien zur Auseinandersetzung und Berichterstattung.
Vor dem beständigen Druck durch die ubiquitous cloud unibrennt fühlt sich die österreichische Bundesregierung genötigt, Minister Hahn nach Brüssel abzuschieben und das zuständige Ressort für möglichst lange Zeit unbesetzt und damit weniger angreifbar zu machen. Offensichtlich sucht die SPÖ-ÖVP Koalition in Anerkennung der unibrennt Organisationskraft Stärken der basisdemokratischen Bewegung zu kopieren. Sie entzieht den Protestierenden den befugten Verhandlungspartner auf Regierungsseite, um die Auseinandersetzung mit der Bewegung lokal und direkt bei den vielen kleineren Brennpunkten, den einzelnen Universitäten zu führen. Ein Bildungsdialog wird ausgerufen, der Elemente ebenso der basisdemokratischen und wie auch der Netzkultur von unibrennt aufzunehmen behauptet; Teilhabe und Partizipation soll über das Netz ermöglicht, Debatten und Dialog über das Netz live gestreamt, die Ausverhandlungsprozesse und Zwischenergebnisse im Web dokumentiert und transparent gemacht werden.

Die Bewegung hat von Wien ausgehend Standards gesetzt, die zuerst von den Protestierenden an allen anderen Brennpunkten angenommen werden, heute bereits in die Arbeit von NGOs Eingang finden und sogar von Ministerien insofern anerkannt werden, als sie sich zu Adaptionen bemüßigt fühlen.

Die politische Aktion als ubiquitous Cloud

Unibrennt ist weder ein web2.0 Phänomen, noch ein Protest2.0, noch eine klassische politische Organisation, die die Möglichkeiten des Netzes besonders geschickt für die Verbreitung ihrer Anliegen zu wissen weiß. Die Akteure der Bewegung lassen sich nicht trennen in die BesetzerInnen der Hörsäle auf der einen, und in eine als ,digital community‘ arbeitende Gruppe auf der anderen Seite. Zu jedem Zeitpunkt ist die Bewegung ebenso eine ,digital community‘ wie sie eine politische Bewegung ist, autonom und selbstverwaltet funktioniert, basisdemokratische Regeln lebt, offen und selbstorganisiert arbeitet, und sich heterogen und vielschichtig über diverse Altersgruppen, Muttersprachen, Fachdisziplinen, Milieus, Professionen, Städte, Interessen und Weltanschauungen erstreckt.

Digital festgehalten werden bereits die ersten Minuten der Diskussion und Abstimmung vor Ort, ob das Audimax der Universtität Wien von den Anwesenden besetzt werden soll. Laptops, Mobiltelefone und Digitalkameras protokollieren und Dokumentieren seit diesen ersten Stunden das, was die unibrennt Bewegung genannt wird.
Die Daten – Text, Bild, Ton, Video – werden via SMS, Email, Twitter, Livestreams, Chat und Aussendungen ebenso wie via Flugblatt, Sticker, Button, Transparent und Zeitung nach Außen getragen. Sie werden auf social network Plattformen, Blogs, Wiki und Homepage gespeichert, organisiert und abrufbar gemacht. Sie werden über diese Plattformen weiter verbreitet, ergänzt und bearbeitet, und auf diese Daten wird vor Ort der Besetzungen wieder zugegriffen.
Der Zugriff erfolgt dabei über das WWW, so dass ein solches Zugreifen von jedem Ort der Welt und zu selbst gewählten Zeitpunkten geschehen kann. Das Archiv von unibrennt ist immens umfangreich und vielfältig, aufgeteilt auf diverse social network Plattformen, Wikis, Blogs, Dokumente und so weiter. Es enthält keineswegs nur Endergebnisse und Produkte wie den Forderungskatalog, Plenarbeschlüsse oder Presseaussendungen sondern gerade auch und vor allem die Prozessebene, die Debatten, Entscheidungsfindungsprozesse, in den (digitalen) Raum gestellten Ideen, Vorschläge und Fragen. Das Netz ermöglicht den Beteiligten daher nicht nur zu jedem Zeitpunkt und ortsungebunden das Einklinken in die Bewegung, sondern auch, viel wichtiger, das Ausklinken aus der Bewegung ohne Gefahr, den Anschluss und Rechte zur Partizipation zu verlieren.

Die unibrennt Bewegung ist in diesem Sinne so offen und allgegenwärtig wie das WWW selbst. Die ,digital community‘ bemüht sich laufend, Schnittstellen und landing pages für diverse Formen der Partizipation anzubieten und usability freundlich zu halten.

Wissensmanagement, Organisationsentwicklung und Öffentlichkeitsarbeit

Das kollektive Gedächtnis der Bewegung und ubiquitous cloud unibrennt nutzt wie schon angesprochen Speicherkapazitäten und -strukturen von social networks wie facebook und twitter. Es bedient sich großer Plattformen wie youtube, flickr und ustream. Es hat seine Knotenpunkte im unibrennt Wiki und der unibrennt Homepage. Es erstreckt sich in seiner Gesamtstruktur aber auch auf eine Vielzahl von Arbeitsgruppen-Blogs, auf private Blogs, Fotoalben und youtube-Accounts, die Postingforen der Onlinemedien, Emailkörbe, Google-Docs und so weiter. Die ,digital community‘ unibrennt wird auch viel weniger durch die Verwendung dieser Plattformen und Tools beschrieben als durch die dichte Vernetzung all dieser Plattformen und den Gebrauch der diversen Möglichkeiten des web2.0 zur Selbstorganisation der Bewegung.

Die ,digital community‘ unibrennt besteht zum kleinsten Teil aus web2.0 Evangelisten und zu einem geringen Teil aus web2.0 Aficionados. Die Bewegung hat mit ihrem ereignishaften Auftreten Mittel und Wege zu ihrer Selbstorganisation und Weiterentwicklung eingesetzt, die sie vorgefunden hat. Wo eine existierende Organisation die top-down Implementierung von Wikis, Blogs, Feeds und Videokonferenzen Ressourcen- und zeitaufwendig durch Schulung, Druck und Incentives erreichen muss, hat die Bewegung in ungeheurem Tempo kollektiv gelernt.
Emailkörbe werden eingerichtet und von mehreren Personen betreut, die sich im Regelfall untereinander kaum kennen. Passwörter werden alle Wochen ausgetauscht und wieder an viele Personen ausgegeben. Dokumente werden in Google-Docs organisiert, SMS-Listen für den Räumungsnotfall ebenso angelegt wie Anleitungen, wie dieser oder jener Account dieser oder jener Plattform zu bedienen ist.

Arbeitsgruppen gründen sich ebenso im Plenum des besetzten Hörsaales wie bei Debatten im Umfeld oder direkt im Wiki. Die Name, Ziele, Vorhaben und Kontaktdaten der Arbeitsgruppen werden im Wiki angelegt und somit allen sichtbar gemacht. In den Arbeitsgruppen selbst, so wie in den Plena wird live protokolliert. In den Hörsälen wird das Protokollieren via Beamer live übertragen. Die Protokolle werden ausgesendet, im Wiki und auf der Homepage gespeichert. Sie sind weiter bearbeitbar.

Anträge, Berichte und Vorschläge der Arbeitsgruppen gehen zur Vorbereitung der Plena ein. Diese Materialien liegen dem Plenum ebenso vor wie potentiell allen Interessierten, die über Wiki und Livestream zugreifen möchten. In die Plena werden auch Fernsehberichte, Grußbotschaften bis hin zu Liveeinschaltungen von anderen besetzten Hörsälen eingespielt.

Über twitter, Chat und facebook werden Themen, Termine und Links ausgesendet. Die Plena werden kommentiert, die Debatten erstrecken sich in den Raum der social networks und werden hier weitergetragen. Auf den Plattformen bilden sich thematische, regionale und gruppenspezifische Fanseiten, Foren und Pools. Arbeitsgruppen legen eigene Accounts auf den Plattformen an und informieren über ihr Aufgabenfeld und laden zur Mitarbeit ein. Eine Vielzahl von AdministratorInnen bespielt die verschiedenen Accounts 24 Stunden lang, 7 Tage die Woche, Monat für Monat.

In der Blogosphäre wird von der Bewegung berichtet und die Bewegung diskutiert. Blogeinträge fassen Debatten und Entwicklungen zusammen, ebenso wie die bisher zur Bewegung erschienen Blogartikel. Materialen – Grafiken, Fotos, Videos etc. – werden eingebunden und produziert. Ein Eselsohr Plugin für Blogs ist im Wiki downloadbar, die an der Blogdemo teilnehmenden Seiten werden im Wiki verlinkt. Eine Blogparade dokumentiert die Blogeinträge zu unibrennt.

Über Emailkörbe, das Wiki und das Einscannen von Zeitungen werden die Ergebnisse der Medienbeobachtung gesammelt, strukturiert, abgelegt und damit dokumentiert. Presseaussendungen, Forderungskataloge und offene Briefe gehen per Email an die Medien und per Homepage, Wiki und Links auf den Plattformen an alle.

Ein Team aus FotografInnen und VideofilmerInnen sowie der Arbeitsgruppe Livestream organisiert sich per Email und Twitter, dokumentiert Plena, Besetzungen, Demos, Flashmobs und so weiter. Fotos werden auf Facebook geladen, auf den unibrennt flickr account, in einen flickr pool und auf die Homepage. Videos finden sich auf youtube, unibrennt.tv und eingebettet in Homepage, Blogs und Facebook. Via twitter werden die Links zu Fotoalben und Videodokumentationen weitergeleitet.

Das Ereignis unibrennt emergiert überall. An den Hochschulen. Im WWW. Im Netzwerk, das zwischen den Brennpunkten der besetzten Hörsäle, der unterschiedlichen Arbeitsgruppen und den Brennpunkten auf Facebook, in der Blogosphäre und dem Wiki usw. immer dichter gespannt wird. Dieses Netzwerk ist das Ereignis. Die intensive breite und gleichberechtigte Beteiligung ist die Bewegung.

Autonomie, Kultur, Identität

Die selbstverständliche und vielseitige Nutzung der Möglichkeiten des Web2.0, digitaler Ressourcen und Werkzeuge hat nicht nur die Selbstorganisation und das Wissensmanagement der explosionsartig auf der politischen Bühne auftretenden Bewegung unterstützt. Der intensive und kompetente Gebrauch der vielseitigen Plattformen, Kanäle und Techniken bestimmt die Kultur dieser Bewegung und in diesem Atemzug die Identität dieser ,community‘ als auch ,digital community‘ mit.

Unibrennt ist anderen politischen Organisationen gegenüber vergleichsweise autonomer; unabhängiger vom Massenmediensystem und dem Goodwill der Presse und Redaktionen, unabhängiger von anderen etablierten Organisationseinheiten im Umfeld und unabhängiger auch vom Einfluss einzelner führender Akteure innerhalb der Bewegung.

Der selbstorganisierte Aufbau eigener Infrastruktur, Netzwerkknoten und Kommunikationskanäle hat die Bewegung befreit und sich selbstbestimmt entwickeln lassen. Unibrennt ist in der Organisation der Proteste eben gerade nicht auf ein organisatorisches backbone z.B. der Hochschülerschaft, von Parteiorganisationen oder organisierter Gruppen im universitären Feld angewiesen.
Die ,digital community‘ hat sich in ihrem Programm, der Ausgestaltung der Plenaregeln, der Arbeitsgruppen und Arbeitsteilung sowie der internen und externen Kommunikationskanäle nicht nur selbst eine Verfassung gegeben sondern auch eine autarke Verwaltung aufgebaut.

Kaum zu überschätzen ist die Bedeutung der Medienkompetenz der ,digital community‘ unibrennt. Die vielschichtige vernetzte, Bewegung hat die Produktion und den Vertrieb ihrer Medieninhalten selbst in der Hand, die ,digital community‘ produziert unique content; und das laufend, in großer Menge und Qualität und gleichzeitig in allen Räumen der ubiquitous cloud. Die Bewegung ist ein Player im Netz.
Die ,digital community‘ ist im Stande, viele Menschen und unterschiedliche Gruppierungen zu erreichen, ohne auf die Strukturen der kapitalistischen Medienlandschaft zurückgreifen zu müssen. Sie produziert nicht nur Texte, Bilder, Ton und Filme selbst, sondern hat auch die Kontrolle über eigene Vertriebskanäle und die offen zugänglichen Archive. So ist es gelungen, eine eigene stabile Gegenöffentlichkeit aufzubauen. Das Archiv ist dabei nicht nur offen. Es ist ebenso lebendig wie riesig. Von jeder landing page aus – Homepage, Wiki, flickr, unibrennt.tv, youtube, … – ist das Eindringen in eine reichhaltige und vielseitige Geschichte wahrscheinlich. Hyperlinks laufen kreuz und quer und verbinden die Bestände des Archivs.
Die ubiquitous unibrennt cloud verwaltet damit das Erbe der Bewegung selbst. Sie bestimmt federführend mit, wie die Geschichte über unibrennt geschrieben wird.

Mit der Emergenz der Bewegung ist gleichzeitig eine Kultur entstanden, die an die open source Kultur erinnernd. Die Bewegung zeugt von der hohen Kompetenz offener Entwicklung. Die Explosion von Content und Netzwerkstrukturen lebt von der Bereitschaft der Akteure, ihre eigenen Ressouren und Fähigkeiten einzubringen und ihre Arbeit frei zu geben. Logos, Bilder und Texte werden ebenso frei vertrieben. Gearbeitet wird auf und mit den eigenen Laptops, Mobiltelefonen, Kameras und Benutzeraccounts, wobei all diese „privaten“ Ressourcen wiederum geteilt und geöffnet werden. Arbeitsgruppen und Plena dokumentieren transparent alle Stufen von Entscheidungsprozessen. Termine und Kontakte sind offen einsehbar.
All das zeugt also auch von der hohen Kompetenz, individuellen Kontrollverlust zuzulassen. Und der Kontrollverlust der Einzelnen festigt die Stabilität und Autonomie der gesamten ,community‘. Das Verfolgen eigener Ziele auf Kosten der Bewegung ist in diesem offenen System gleichrangiger Akteure ein minimiertes Risiko. So bringen sich sehr früh auch GegnerInnen der Bewegung aktiv in die ,digital community‘ ein. Versuche, die Bewegung zu lenken laufen ins Leere. Sie laufen in der Komplexitiät der ubiquitous cloud ins Leere, ohne dass sie durch Abschneiden von Kommunikationskanälen oder Unterdrückung von Content abgewehrt werden müssten.
Die offene Kultur der basisdemokratischen Bewegung und ,digital community‘ bringt ein hohes Maß an Stabilität gegenüber Einzelinteressen und Manipulations- oder Usurpationsversuchen.

Projektgeschichte

Für die Emergenz des Phänomens unibrennt kann mit dem Nachmittag des Donnerstag, 22. Oktober 2009 ein genauer Geburtstermin angegeben werden. Über den Zeitraum der nächsten vier Tage, also von Freitag, 23. Oktober bis Montag, 26. Oktober 2009 und Nationalfeiertag in Österreich, explodiert dieses Phänomen in rasanter Ausdehnung. Am Ende dieser ersten Explosion ist die Kunde vom Ereignis unibrennt bei hunderttausenden Menschen angekommen, die Medienlandschaft Österreichs teilt sich einen gleich lautenden Aufmacher – Unibrennt! – auf allen Titelseiten und zehntausende Menschen sind vor Ort und im Netz involviert.
Die folgenden Tage und Wochen sind von rasantem Wachstum und der Ausdifferenzierung der Bewegung nach Innen und nach Außen geprägt. Drei Wochen nach der Emergenz des Phänomens wird erstmals vom Flächenbrand gesprochen und die ,digital community‘ wächst in den gesamten deutschsprachigen Raum.

Vorgeschichte

Das ereignishaft wuchtige Ermergenz von etwas neuem ist nicht allein aus sich selbst heraus erklärbar. Selbst wenn das Neue keine Eltern hat, so ist die Emergenz des Phänomens unibrennt nur vor dem Hintergrund der Situation zu verstehen, in der sich dieses Ereignis entwickeln konnte.
So hat auch das Ereignis eine Vorgeschichte und entwickelt sich unter Vorbedingungen, die es erst ermöglichen.

Drei vorangehende und unibrennt den Boden bereitende Entwicklungen müssen hier kurz angesprochen werden:

  1. Die grundlegende hochschulpolitische Situation:
    Nach Jahren fortwährender Hochschulreformen, neuer Gesetze, Novellen und Implementierungswellen der neuen Gesetze und Novellen, nach Jahren der neoliberal ausgerichteten Umbauten der Universitäten ist die Situation endlich soweit eskaliert, dass das System kollabiert. Es kann kaum mehr von schlechten Bedingungen für Forschung und Lehre gesprochen werden sondern tatsächlich nur mehr von unmöglichen Bedingungen.
    Das Bologna-System ist an den eigenen Richtlinien gemessen gescheitert, der zuständige Minister hat über seine gesamte Amtszeit nachdrücklich vorgeführt, dass er das Wort Dialog nur in der Öffentlichkeitsarbeit kennt.
Im Herbst 2009 haben die Bedingungen an der Universität Wien unhaltbare Formen angenommen. Allen Betroffenen ist bewusst, das die vorgesehenen Wege nicht gangbar sind. Die HochschülerInnenschaft kann nichts erreichen, wo schon ProfessorInnen scheitern, einen konstruktiven Dialog gibt es nicht und bald zehn Jahre internationaler Erfahrungen mit dem Bolognafiasko lassen niemanden im Zweifel, dass eine begründete Hoffnung auf Besserung bestünde.
  2. Der Zeitpunkt der Internetgeschichte:
    Die selben Vorraussetzungen, die schon die Terroranschläge in Mumbai, die Wahlkampfbewegung für Barack Obama oder die Proteste im Iran zu neuartigen Ereignissen gemacht haben – zu hybriden Raum, Zeit, Gruppen, Massenmedien und Beteiligungsformen übergreifenden Netzwerken – sind auch dafür verantwortlich, dass unibrennt von Beginn an eine ,digital community‘ ist und sich selbst parallel rund um die besetzten Hörsäle und im Netz organisieren kann.
    Im Herbst 2009 ist im Gegensatz zur letzten Besetzung des Audimax der Uni Wien 2004 ein Großteil der Studierenden schon mit Laptops, Mobiltelefonen mit Digitalkamera und mit Benutzerkonten bei web2.0 Plattformen ausgestattet. Die Plattformen und Techniken des web2.0 sind ausreichend bekannt, dass noch vor den ersten Minuten des Besetzungsbeschlusses Nachrichten von den Geschehnissen an die Plattformen und in die Netzwerke gehen.
Es existieren in Wien, Graz, Linz, Salzburg, Klagenfurt und Innsbruck bereits etablierte web2.0 communities, die sofort für die Bewegung in Anspruch genommen werden können. Die ,digital community‘ unibrennt schließt zudem viele lokale kleinere Netzwerkstrukturen auf unterschiedlichen Plattformen – Facebook, twitter, StudiVZ, … – mit neuen Verbindungen zu größeren Clusterstrukturen zusammen.
    Persönliche Bekanntschaften und auch Netzbekanntschaften verkürzen die Phasen für Absprachen und die Organisation der Selbstorganisation und gliedern in unglaublicher Geschwindigkeit Kompetenzen und Ressourcen in die Bewegung und ,digital community‘ ein.
  3. Widerstandskultur und Malen-nach-Zahlen:
    Zwei Tage vor dem 22. Oktober 2009 wird die Aula der Akademie der Bildenden Künste in Wien besetzt. Dieser Protest ist (noch) nicht spontan und selbstorganisiert sondern geplant und inszeniert. Proteste finden an den Universitäten laufend statt (siehe Punkt 1).
Die Inszenierung des Protest an der Akademie ist ein gelungenes Beispiel und zeugt von überlegter Planung. Eine Homepage, ein Sujet, ein Slogan sind überlegt entwickelt und alles greift logisch ineinander. Die Protestform erklärt und visualisiert einfach verständlich, mit welchen Problemen die Akademie zu kämpfen hat und wogegen die Protestierenden dort auftreten.
    Massenmedien wie interessierte Betroffene an den anderen Universitäten nehmen die Proteste wahr. Einen Tag nach dem going-public dieser Proteste „malen-nach-zahlen“, am Mittwoch, 21. Oktober 2009 wird eine Demonstration auch für die Universität Wien angemeldet. Der Demobeginn ist für 12.00 geplant, der Treffpunkt der Platz vor der Votivkirche in Wien.

Die Formation der #unibrennt ,digital community‘

Der Demonstrationszug der zukünftigen BesetzerInnen des Audimax erreicht am 22. Oktober nach einem Marsch durch das gesamte Hauptgebäude der Universität Wien gegen 14.00 den gerade nicht benutzten größten Hörsaal, das Audimax. Es wird die Besetzung beschlossen. Die ersten Nachrichten über die Besetzung gehen als Aufforderungen zur Unterstützung vor allem über twitter, aber auch sms, email, mobiltelefon und Facebook-Konten nach draussen und werden schnell weiter kommuniziert. Unterstützung trifft in Form von Schlafsäcken, Personen, Nahrungsmittel und technischem Equipment ein, womit hauptsächlich weitere Mobiltelefone, Digitalkameras und Laptops gemeint sind.

Parallel dazu beginnen auf diversen Plattformen im Netz die Spiele der Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit von SympathisantInnen und GegnerInnen der Besetzung. Es werden Stellungnahmen eingefordert und organisiert, Vorwürfe platziert und dementiert, die Foren der Onlinemedien bevölkert. Solidaritätserklärungen werden veröffentlicht und verlinkt, erste Bilder sind auf Facebook und über Twitter zu finden, Hashtags für die Besetzung beginnen sich durchzusetzen (#audimax, #unsereuni, #unibrennt).

Die BesetzerInnen diskutieren und formulieren eine Erklärung und publizieren sie auf einem Blog. Im Raum neben dem Audimax wird ein Medienzentrum eingerichtet. Eine Stunde nach dem Besetzungsbeschluss ist eine Fanpage auf Facebook eingerichtet, die zu einem bleibenden Brennpunkt der Bewegung werden soll.

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