hcv

Von Efgani Dönmez und Elisabeth Gehrer

Er gilt als eine zwangsläufige Rahmenbedingung der Gesellschaft bzw. der Formen der Vergesellschaftung: der strukturelle Widerspruch zwischen „Stadt“ und „Land„.
Vergleichbar ist dieser strukturelle Widerspruch zwischen Stadt/Land etwa mit jenem zwischen „Lohnarbeit“ und „Kapital„. In beiden Fällen handelt es sich um historisch entwickelte, zwangsläufig sich auswirkende Rahmenbedingungen, die freilich in jeder Gesellschaft unterschiedlichen Ausdruck finden kann.

In den modernen Gesellschaften kann recht pauschal zusammengefasst werden: die Stadt herrscht über das Land. In Österreich habe ich laufend das Gefühl, wir sind eine Ausnahme. Hier herrscht spätestens seit 1934 das Land, das Rurale über die Stadt, das Urbane. ((Und das Rurale hat – paradoxerweise – eine Stadt als symbolisches Zentrum: das Salzburg der Karajan Festspiele. Der Symbolismus der siegreichen verbliebenen Elite des Landes, nachdem 1934 und vor allem 1938 alle anderen, urbanen Eliten vertrieben oder ermordet wurden; und 1945 im Großen und Ganzen an der Rückkehr und einem wiedererstarken gehindert.))

Österreich: die Herrschaft des flachen Landes.

Da wird die Weltklasse-Liesl von ihrem „Clan“ befeiert und derstandart.at präsentiert das stundenlang als „relevantestes“ Ereignis des 16.12.2008:

Ich werde jetzt das Hohelied einer hohen Frau singen, und das wird nicht ohne ein paar Weihrauchkörner und Lobpreisungen gehen. (Wolfi ‚Rumpelstilzchen‘ Schüssel)

Da versucht sich ein oberösterreichischer Grüner zum wiederholten Mal für sich selbst ein „kantiges Profil“ zu basteln, es gelingen ihm aber wieder nur dürftig dämliche Plattheiten und was passiert?
Er wird darauf hin als differenziert an tatsächliche Probleme herangehender „Realo“ gefeiert. Aus seinem absurden Unsinn wird in Verteidigungsreden plötzlich ein gehaltvolles Programm.

meiner meinung nach hat dönmez durchaus klare ansichten und teilt sie ohne den schleier der politiker-etikette der welt mit. sind es nicht gerade solche menschen, die wir in der politik so dringend brauchen? (Standard-Poster „Seifenblase„)

Provinzialismus und Lodenseeligkeit galore!

Mixed together ergibt das die bekannt-bewährte Melange: austriarkischen Chauvinismus à la Robert ‚Norweger Pulli‘ Seeger. Die Kennzeichen sind die herablassenden Ressentiments, notdürftig mit pseudorationaler Argumentation kaschiert und bei etwas näherem Hinsehen meist wehleidigen Minderwertigkeitserfahrungen der eigenen Ahnungslosigkeit entspringend. ((Siehe auch die qualitativ so fundierte Einstellung von uns ÖsterreicherInnen zur EU.))

Die Lieblingsausdrucksform dieses Chauvinismus ist die locker lässige Denunziation. Marke ‚Geh, eh nicht so gemeint, gell!?!‚ ((Und all das ist laufend vorgeführt wird das im Staatsfernsehen des ORF und der weiteren assoziierten Medienlandschaft. Stotternd-stammelnde MinisterInnen und stotternd-stammelnde SportreporterInnen, it’s all the same, it’s our culture, our identity.))

Da gibt es auch eine der offensichtlichen Parallelen zwischen der Weltklasse-Liesl und dem Jung-Bundesrat Realo-Efi. Beide machen das ganz gerne bzw. verwenden die locker-lässige, spielerische Denunziation als gewichtiges Mittel, um sich zu etablieren, zu provozieren, sich selbst darzustellen.
Beide fallen idR nur dadurch auf, so dass die unerfreuliche Vermutung nahe liegt, dass sie abgesehen von diesem Spiel nichts weiter zu bieten haben.

UND!: beide werden allzu gerne in Schutz genommen und zu symbolischen Figuren gegen die „Intellektualität“ stilisiert. Täter-Opfer-Umkehrung:

Dönmez…
ein intelligenter Mensch, der versteht, dass man mit einem Programm für neureiche Grosstadtbobos mit DG im 7. Bezirk kein Staat zu machen ist und keine Wahl zu gewinnen ist.
Er spricht die Probleme differenziert und detailliert an (siehe auch die anderen Interviews im Standard).
Wenn Sie das intellektuell nicht aufnehmen können und gerne die nach der nächsten Wahl einen Kanzler Strache haben, dann unterstützen Sie weiterhin eine völlig realitätsfremde Politik, die einzig und allein den Rechten Stimmen bringt. (Standard-Poster „cantanto„)

… lautet ein exemplarisches Posting von vielen vergleichbaren. Alle ihre Balken weisen massive Zustimmung, kaum Ablehnung ab.

Efgani Dönmez ist einer, der bodenständig ist, so wie mensch das von der Liesl gesagt hat, endlich einer, der sagt, wie’s ist. Ein realistischer Mensch, der sich wohltuend gegen die „Realitätsverweigerer“ abhebt.

Und: er ist das offensichtlich, aufgrund seiner Wortäußerungen. Aufgrund von Aussagen wie dieser hier:

Regelverstöße müssen Folgen haben. Jemand der unsere Demokratie oder unseren Rechtsstaat infrage stellt oder mit kriminellen Absichten zu uns kommt, ist inakzeptabel. Denen, die Mist bauen, müssen wir auf die Finger klopfen und sie in kürzester Zeit ausweisen.

Gemünzt ist das – nur zur Erinnerung – auf Asylwerber. (Interview im derstandard.at)

Das ist der erlösende Realismus, der als solcher bejubelt wird. KritikerInnen wird da Gegenteil vorgeworfen: Abgehobenheit.
Ihnen wird empfohlen – vielfach und überall – das Interview nochmals und genau zu lesen. Ihnen wird vorgeworfen, nicht lesen zu können.

Zweite Lesung
Nun, da ich auch zu den Kritikern solcher Sprüche gehöre ((Ich finde sie keine Empörung wert und nehme an, dass sich Herr Dönmez halt ganz gerne als etwas darstellen will und dabei aber simpel zu ungeschickt oder dumm ist, das auch zu schaffen.)), lesen wir halt nochmals und lesen wir genau:

  • Regelverstöße müssen Folgen haben.

Ja, na no na ned. Da sind wir uns wohl alle einig. Regelverstöße haben Folgen. Die Folgen heißen Sanktionen. Es gibt Schulen, die „Regeln“ sogar allein danach definieren, dass sie an „Sanktionen“ erkennbar sind, in dem Moment, da sie verletzt werden.

Wenn wir von strafrechtlich (oder verwaltungsrechtlichen) Regeln und Sanktionen reden, da ist genauso bzw. erst recht klar, dass das gelten muss. Und das tut es ja auch. Wenn Herr Dönmez oder ich oder ein Asylant das geltende Recht verletzt, gelten für uns alle die gleichen Regeln für Sanktionen.

Heißt nichts anderes als: die rechtsstaatlichen Regeln gelten bereits heute – Geheimnis! – auch für AsylantInnen.
(Es gibt sogar jede Menge Evidenz dafür, dass AsylantInnen deutlich weniger rechtsstaatliche Rechte und deutlich weniger Schutz haben als „Wir“.)

Alles in allem: der Satz ist sinnlos!

  • „Jemand der unsere Demokratie oder unseren Rechtsstaat infrage stellt …, ist inakzeptabel.“

Welche AsylantInnen stellen unsere Demokratie oder unseren Rechtsstaat infrage? In wie ferne ist diese ein sinnvoller Satz?

Nochmals langsam:
„AsylantInnen“ nennen wir Menschen, die um Asyl ansuchen. Asylgründe heutzutage: Krieg, Vertreibung, Verfolgung etc. Diese Menschen leiden darunter, dass in ihren Herkunftsländern keine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu finden sind; in Tschetschenien, in Afghanistan, Nigeria, dem Iran usw. oder zu Zeiten der Balkankriege und -massaker in Bosnien, im Kosovo usw.
Sie stellen den Rechtsstaat nicht infrage sondern flüchten in einen solchen, dh. ganz konkret in den Schutz eines Rechtsstaats. Er ist ihre Rettung.((Darin wiederholt sich, was vor 70 Jahren bei uns passiert ist.))

Hinzu käme die Frage, wie die AsylantInnen das den tun sollten: die Demokratie und den Rechtsstaat in Frage stellen?
Sie haben nicht die Infrastruktur, Kundgebungen am Viktor-Adler-Markt abzuhalten.

Was wird da eigentlich mit Infragestellung des Rechtsstaates angedeutet? Ist das Nicht-Zahlen von Steuern nicht z.B. eine Infragestellung des Rechtsstaates? Oder das Umgehen von Verfassungsverordnungen? Da fallen mir zuerst einige FPÖler, manche ÖVPler, die einen oder anderen JournalistInnen und Interessensvertreter der Industriellenvereinigung usw. ein, die sich in dieser Übung gefallen: „Rechtsstaat-Infragestellung„.

Aber ganz ehrlich und bei allem aufrichtigen Bemühen, ich komme nie auf „AsylantInnen“, die unsere Demokratie oder unseren Rechtsstaat infrage stellen?
Lese ich nur die falschen Massenmedien?
Oder machen die das schon qua ihres „fremdländischen Aussehens“? Ist das Kopftuch eine „Rechtsstaat-Infragestellung“?

Also auch hier: der Satz ist sinnlos.

  • Jemand, der … mit kriminellen Absichten zu uns kommt, ist inakzeptabel.

Soso, das überrascht mich jetzt. Aber ok. Klingt schon nach einem eminenten und realistischen Problem, dem mensch sich widmen sollte.

Ein Problem sehe ich darin: nachdem der Satz immer noch auf AsylantInnen gemünzt ist …, das hieße ja wohl, ÖsterreicherInnen (bzw. EU-Bürger) mit kriminellen Absichten sind ok, oder?

Oh, noch ein Problem, welches ich sehe. Was heißt und was folgert aus „inakzeptabel„?
Sanktionen?
Die müssten ja wieder für alle gelten so wie es ja heute schon so ist, dass in unserem Rechtsstaat die Regeln für alle gelten. ((Das soll doch wohl nicht infrage gestellt werden.))

Shit, noch ein Problem: „Absichten„? Wenn wir jetzt Absichten als Kriterium hernehmen, dann sind wir endlich bei der Gedankenpolizei. Allerdings faktisch fast unmöglich zu eruieren und zu verfolgen.

Vl. doch nicht so „realo“ und doch wieder: ein sinnloser Satz!

  • Denen, die Mist bauen, müssen wir auf die Finger klopfen und sie in kürzester Zeit ausweisen.

Tja, wer soll sie nehmen unsere ÖIAG-ManagerInnen, unsere Flachzangen-MinisterInnen, unsere Anlage- und VermögensberaterInnen und das österreichische Fussballnationalteam? Mhm? Schon mal daran gedacht, dass die niemand will?
Die einzigen Mist-ProduzentInnen, die wo anders Aufnahme fänden, wären die Mistbauern.

AsylantInnen allerdings, selbst wenn sie Mist bauen und ohne weiter darauf einzugehen, was denn das sein soll „Mist bauen“, die dürfen wir nicht abschieben. Wir sollten uns nämlich der Menschenrechtskonvention verpflichtet fühlen. Nicht zuletzt schon deswegen, weil wir ihr verpflichtet sind.
Diese Forderung ist als eine Infragestellung des Rechtsstaats, nicht?
Sie ist wenigstens und jedenfalls eine Infragestellung der bislang erkämpften Menschenrechte!

Die Europäische Menschenrechtskonvention enthält das Verbot von Todesstrafe, Folter, Sklaverei, Zwangsarbeit. Ist ein Asylverfahren rechtskräftig negativ, heißt das noch lange nicht, dass der / dem Betroffenen nicht doch diese Dinge drohen bei Ausweisung oder Abschiebung. Somit stellt diese Forderung einen Verstoß gegen die EMRK dar.

… zitiere ich hier eine grünen Parteikollegen von Herrn Dönmez.

Wiederum: ein sinnloser, um nicht zu sagen dummer Satz!

Aber ich gehe hier vl. noch einen Interviewabschnitt zurück. Hier beginnt Herr Dönmez das Thema zu besprechen:

Jene Asylwerber, die vor 2003 nach Österreich gekommen sind, unbescholten und integriert sind, sollen bleiben dürfen und einen Zugang zum Arbeitsmarkt erlangen. Alle anderen laufen durch das Asylverfahren.

Anhand dieses Satzes lässt sich möglicherweise einiges klären, macht er doch manches sichtbar:

  • Asylwerber von vor 5 Jahren haben offensichtlich oft immer noch keinen Bescheid. Das heißt möglicherweise, dass unsere Demokratie, die Verwaltung des Rechtsstaates nicht ausreichend mit Ressourcen ausstattet, Asylverfahren in angebrachter Zeit zu erledigen.
  • Gleichfalls erinnert der Satz, dass Menschen, die seit Jahren in Österreich weilen, weil sie in ihren Herkunftsländern verfolgt wurden und ihrer Lebensgrundlage beraubt, dass die all die Zeit in Österreich nicht arbeiten durften und dürfen.?!
  • Nehmen wir an, ein(e) AsylwerberIn ist nicht mehr unbescholten, sie ist allerdings aus einem Land wie dem Iran, Nigeria oder Russland geflohen, wo ihr die politische Verfolgung und der Tod drohen. Sie hat also Anrecht auf Asyl. In den letzten 5 Jahren hat sie allerdings eine Vorstrafe ausgefasst, sagen wir z.B. einen Verkehrsunfall.
    Will uns Herr Dönmez jetzt sagen, die Person muss abgeschoben werden? Ist das der Realismus, der bodenständige?
  • Gleiches gilt für die Voraussetzung der Integration. Wer bestimmt denn das (in diesem bodenständigen Klima)? Angenommen es stehen Todesgefahr und Krieg im Herkunftsland gegen die Ansicht, die Person ist „nicht integriert“. Abschieben, Herr Dönmez?

Wenn eine Person Anrecht auf Asyl hat – (1) moralisch, weil es ihr z.B. ergangen ist wie vor 70 Jahren in Österreich den Juden, Homosexuellen, den Roma, den Behinderten usw. und (2) rechtlich, weil sie den durch die Menschenrechte festgeschriebenen Anspruch darauf hat -, wenn also eine Person Anrecht auf Asyl hat, dann ist das so, egal ob sie „unbescholten/bescholten“ oder „integriert/nicht integriert“ ist.
Alles andere würde den Rechtsstaat infrage stellen.

Wenn nun aber eine Person nicht unbescholten ist, dann gelten für sie die gleichen Regeln wie für ÖsterreicherInnen. Und das jetzt schon.

Wenn nun aber die Person nicht integriert ist, dann gelten für sie die gleichen Regeln wie für ÖsterreicherInnen. Und das jetzt schon.

Und schon stellt sich heraus, dass auch dieser Satz aus dem vorangegangenen Interviewabschnitt von Herrn Dönmez sinnlos ist.

Dass all diese sinnlosen Sätze als Beleg für bodenständigen Realismus verkannt werden, das sagt mehr über diese InterpretInnen als über Herrn Dönmez aus.
Und es erinnert wieder einmal schmerzlich daran, dass es in Österreich seit 1934 de facto keine Politische Bildung gibt. 👿

Wo ist der Sinn im Haufen sinnloser Sätze?
Wenn einer sinnlose Sätze tut, dann heißt das meist, dass er eine sinnhafte Absicht damit verfolgt. Aber welche?

~ eine wohlwollende Vermutung:
Herr Dönmez will tatsächlich die Themen Migration und Integration differenziert und abseits von Schwarzweiß-Zeichnungen ansprechen. Freilich, für die Vermutung gibt es keine Indizien und es bliebe so oder so die Frage, warum redet er dann von AsylantInnen?

Warum redet Herr Dönmez nicht von der zweiten und der dritten Generation der GastarbeiterInnen ((Die, wir erinnern uns, teilweise Anreize bekamen, doch bitte ins Land zu kommen.)), von MigrantInnen und den Provinzverhafteten ÖsterreicherInnen, die das Schriftdeutsch in jeder Situtation verweigern oder dem gar nicht mächtig sind.
Vor allem, falls er differenziert argumentieren will, warum tut er es nicht und spricht von den ambivalenten Seiten der Integration. Warum tut er das Gegenteil?
Unfähigkeit?

~ eine bodenständig realistische Vermutung:
Herr Dönmez möchte sich als etwas etablieren, was er bereits ist, worin er sich aber nicht „vollständig“ fühlt. Er möchte Österreicher sein.

Das ist ein den Sozialwissenschaften allzu bekanntes Phänomen: etabliertere ZuwanderInnen, erst recht der zweiten oder dritten Generation, haben oft das Bedürfnis, sich gegenüber ihrer Herkunft und Vergangenheit der Zuwanderung soweit abzugrenzen, dass sie einerseits „Parade- und Vorzeigeeinheimische“ sein wollen und andererseits diese Abgrenzung vor allem gegenüber jüngeren ZuwanderInnen in Ablehnung ausdrücken. (Übrigens ein Thema vieler Western.)
Diese Reaktion ist jener vieler KleinbürgerInnen vergleichbar, die den größten Indentitätsgewinn dadurch erlangen, dass sie sich massiv von der Arbeiterschaft abgrenzen. (Aufgestiegene Gewerkschaftsfunktionäre lieben es ja geradezu, sich vom Lumpenprotelariat, heute Prekariat, abzugrenzen.)

Aber selbst angesichts dieser realistischen Vermutung bleibt immer noch offen, warum Herr Dönmez nicht eigene sinnlose Sätze oder sinnvoll abgrenzende Sätze oder eigene Vorurteile verwendet?
Warum bedient er sich der sinnlosen Sätze von HC Strache, Westenthaler und Platter?

Andere BlogPosts zum Thema:

22 Kommentare zu “Von Efgani Dönmez und Elisabeth Gehrer”

  1. Andy

    Zur letzten Frage: Grins, jein, man wird sozusagen von Soziologen gerne dazu gemacht, in den Bann gezogen etc…deshalb kosten sie ja soviel Zeit 😉

    Zum Thema noch zwei Dinge:
    Erstens kenn ich die Praxis, die hinter Interviews steht, da wird nichts "wörtlich" und chronologisch wiedergegeben, sondern "journalistisch" aufbereitet.
    Zweitens, und das wirst du bestätigen können, hat ein niedergeschriebener Satz eine andere Wirkung als ein gesprochener. Mit anderen Worten ist ein Gespräch mit dem Efgani, das genauso lange dauert wie das lesen eines Artikels, mehr wert als der Artikel selbst. Um es kurz zu machen: Er ist bodenständig, er ist "Vorzeigeösterreicher", er ist Macho und vieles mehr, das (politisch) besondere an ihm ist schlicht und einfach sein Migrationshintergrund und dass er dadurch naturgemäss nicht in die Schablonen der meisten GrünInnen passt, die doch jetzt schon so lange so gut funktioniert haben….

    Antworten
    • kellerabteil

      Alles was du schreibst, glaube ich gerne. Dachte ich mir sogar.

      Ich denke aber auch weiterhin, dass das kein grund sein kann, seine aussagen nicht zu kritisieren. Und ihm die verantwortung für das abzusprechen, was er sagt und geschrieben wird, dazu bin ich nicht bereit. Diese verantwortung trägt er so wie ich für meinen scheiß. (Was die medien betrifft, brauchst du dich nur in diesem blog umschauen …).

      Es geht – mir – auch überhaupt nicht um Efgani und überhaupt nicht um ein urteil über seine person. Wenn, dann sehe ich ihn kritisch und wäre sauer, nicht wegen dieses interviews, sondern wegen der wiederholung dieser aussagen seit mehr als einem jahr und der verweigerung der diskussion.

      Mich stört umgekehrt, dass es immer um Efgani und seine verteidigung geht.

      Ich verteidige auch menschen und ich werde bei ihrer verteidigung bleiben. Konkrete menschen, denen durch solche interviews wieder einmal alles mögliche unterstellt und angedroht wird, und denen kaum jemand beispringt, weil irgendjemand findet, dass sie "da aber schon hart angefasst" wurden.

      Ich halte die ambivalenz und den scheinbaren widerspruch ganz gut aus, dass Efgani ein netter kerl ist und ich seinen aussagen ganz klar entgegentrete.

      Und würden wir uns einmal über den weg laufen, von meiner seite gäbe es sicher kein problem, 7 biere zu trinken und respektvoll zu streiten.

      Antworten
      • Andy

        Auf die Biere komme ich gerne zurück.
        Es lässt sich aber nicht leugnen, dass du wie die meisten Asyl und Migration unter einen Hut wirfst. Auch gehst du davon aus, dass Asylanträge immer gerechtfertigt sind, dem ist aber nicht so. Und solange das nicht, auch durch glaubhaftere Leute als mir, wie Efgani, klargestellt wird, wird sich nichts zum positiven ändern.

        Und unter positiv verstehe ich, dass das alles gar kein Thema mehr sein würde, was aber wiederum viele "GutmenschInnen" arbeitslos machen würde. Es gibt eben die zwei Betrachtungsweisen, ob ich einen Asylsuchenden widerspruchlos anerkenne oder erstmal kritisch betrachte, die Mitte wäre nicht nur praktikabler, sondern hätte auch Signalwirkung. Wenn jemand beispielsweise aus Kamerun nach Österreich kommt und sich als Nigerianer ausgibt, in dem er angibt, auf der "Flucht" seine Ausweise verloren zu haben, macht er sich ja schon bewusst strafbar. Ihm dann eine Verwaltungsstrafe aufzubrummen, wie das bei einem Inländer vorgesehen wäre, ist illusorisch und unterwandert unsere Justiz. Ihn ins Gefängnis zu stecken, kostet unnötig Geld. Noch seltsamer wird es, wenn Türken oder Kroaten um Asyl ansuchen. Wieviele Instanzen braucht man wohl wirklich dazu, um das als Fake zu entlarven?
        Ergo sind in seinen "Aussagen" gar nicht so derart viele Sinnlosigkeiten, wie du meinst, das Thema an sich wurde und wird leider noch immer viel zu sehr zerredet und verkompliziert, nicht zuletzt durch Soziologen oder jene, die sich dafür halten 😉

  2. Andy

    Sagen wir es so: Noch keine SoziologIn (da merkt man wieder, wie bescheuert das Gendern ist) konnte mich von der Sinnhaftigkeit des Studienfachs überzeugen. Natürlich gibt es auch genug andere Menschen, die Theorie über Praxis stellen, meine Nichte ist zB. Psychologin und hat im Prinzip keine Ahnung von der menschlichen Psyche in der Praxis. Die braucht stundenlange "Sitzungen", um herauszufinden, worums eigentlich geht und kommt dann zum gleichen Ergebnis, das ein guter Barkeeper nach ein paar Minuten erkennt.
    Aber jetzt sind wir gerade wieder dabei, alles zu zerreden und zu zerdiskutieren, das zeichnet Soziologen eben aus 😉

    Antworten
    • kellerabteil

      nunja, das werde ich jetzt auch nicht versuchen, dich von der sinnhaftigkeit des studienfachs zu überzeugen.
      Außerdem, ich rede bei "soziologie" sicher nicht vom studienfach. In dem moment wo studienfach soziologie und sinnhaftigkeit in einem satz vorkommen, hab ich sowieso meine probleme, wenn ich an die erfahrung meiner studienzeit, an die begegnungen, manche lehrbeauftragte, den studienplan etc. denke.

      Wichtiger ist mir aber folgendes, so sehr ich weiß, dass das common ground ist, für mich ist es absoluter blödsinn, dass es hier um die kategorien theorie und praxis geht.
      Dein beispiel könnt ich um zig weitere ergänzen, kein problem. Ich könnt es auch um zig weitere ergänzen, die mit akademikern nix zu tun haben, genauso kein problem. Es hat mit soziologie nada zu tun. Ich bin praktiker und empiriker und viele andere sind das auch, die zufällig soziologie studiert haben.
      Ein haufen menschen lebt in virtuellen welten und bastelt sich virtuelle realtiäten zusammen, und dabei ist ziemlich unerheblich, ob das gebildete oder weniger gebildete vögel sind; und alles andere wie stadt-land, mann-frau usw. spielt dabei auch keine rolle …

      und deinen letzten satz … Du bist also auch soziologe? ;-))))

      Antworten
  3. kellerabteil

    lieber andy, was ist nicht alles sinnlos. und die soziologie, sie erfüllt laufend und geduldig den sinnigen zweck, dass sie gebasht wird und mensch sich an ihr abreagiert. ist doch auch schon was, oder?

    Antworten
    • Andy

      LOL, das mag stimmen, ja. Ich hatte jedenfalls noch keine Diskussionen mit Soziologinnen, vor allem sind es ja Innen, die zu irgendeinem brauchbaren Ergebnis gekommen wären, ist halt meistens nur sinnloses Blabla. Möglicherweise wäre es sinnvoll, Soziologie mit Volkswirtschaft zu verbinden, dann käme vielleicht ein wenig mehr Realität dazu?

      Antworten
      • kellerabteil

        warte mal, warte mal. Da muss ich kurz mal rückfragen: geht dir das mit manchen gruppen so und ist dir das immer nur mit soziologInnen passiert?

  4. Andy

    Ich bin befreundet mit dem Efgani und deshalb leider befangen und nicht besonders glaubwürdig in diesem Fall als Kritiker, aber dennoch:

    Ich bewundere sehr wohl Menschen, die derart lange Texte über ein einziges Thema schreiben können und das auch tun, aber es zeigt mir doch auch wiedermal, wie sinnlos Soziologie eigentlich ist 😉

    Antworten
  5. Klausi

    Da haben Sie aber nun ganz viel gscheit gredet. Und diesem Herrn Dönmez habens eins ausgewischt. Super!

    Übrigens: Was ist eigentlich mit Herrn Faymann und seinen Sätzen? Sind die auschließlich gehaltvoll? Könnten Sie mal über den ein paar gscheite Abhandlungen schreiben? Oder müsst man sich da vielleicht doch ein paar mal selber fest auf das Lipperl beißen?

    Antworten
  6. Markus

    Hallo!

    eines habe ich noch vergessen… da Sie ja so kritisch andere Aussagen hinterfragen bzw. umkehren, wäre für mich noch folgendes zu hinterfragen:

    Zitat:…
    Nehmen wir an, ein(e) AsylwerberIn ist nicht mehr unbescholten, sie ist allerdings aus einem Land wie dem Iran, Nigeria oder Russland geflohen, wo ihr die politische Verfolgung und der Tod drohen. Sie hat also Anrecht auf Asyl. In den letzten 5 Jahren hat sie allerdings eine Vorstrafe ausgefasst, sagen wir z.B. einen Verkehrsunfall.

    Nach Ihrer Stilart gelesen, heisst das also, daß jeder Österreicher, der einen Verkehrsunfall hatte, somit vorbestraft ist;

    Diese Art von „das Wort im Mund umdrehen“ ist zwar lustig zu lesen, allerdings doch auch etwas inhaltsarm;

    mfg

    Antworten
  7. haftgrund

    Kellerabteil groß in Form!!!!!
    Danke für diese Abhandlung, die mir gerade bei der Lektüre des Um und Aufs des Dönmez-Sagers als erkenntnisbringende Erlösung erschienen ist [im Sinne von erscheinen wie aus dem Nichts 🙂 ], die Verknüpfung mit Gehrer bringts genau dorthin, wos hingehört. Danke!

    Antworten
  8. Markus

    Hallo!

    Dieser Kommentar erfordert sicher einiges an Wissen und differenziertem Denkvermögen; Nichtsdestotrotz ist hier eine von oben herab sehende Haltung unschwer erkennbar, dass Sie selber das „normale“ Fussvolk für zu dumm befinden, Aussagen von Politikern verstehen und interpretieren zu können;

    Insbesondere folgender Satz scheint mir zwar nicht sinnlos, allerdings äußerst arrogant und falsch:
    „…und den Provinzverhafteten ÖsterreicherInnen, die das Schriftdeutsch in jeder Situtation verweigern oder dem gar nicht mächtig sind.“;

    Die Verwendung von Dialektsprachen mit der Unwilligkeit eines Migranten deutsch zu lernen gleichzusetzen befinde ich auch als sinnlosen Satz;

    Sollte dieser Artikel natürlich nur für Wiener gedacht sein, so muss ich noch dazu anmerken, daß auch hier die schriftdeutsche Sprache keineswegs so weit verbreitet ist, wie Sie anscheinend annehmen; Und vor allem das „Lumpenprotelariat“ findet man ja auch weniger in der Provinz, oder beleidige ich hier nun jemanden?

    Trotzdem noch einen schönen Tag;

    Antworten
  9. Thomas

    Ah, jetzt versteh ich glaub ich – Ich denke, dass „Islamismus“ mit dem Themenkomplex „Asyl-Migration-Integration“ insofern zu tun hat, da es die Art und Weise ist, wie der Staat Österreich damit konfrontiert wird. Dh man sollte hier bereits schauen, ob man den Leuten nicht eine Alternative oder Ausbruchsmöglichkeit anbietet.

    Aber grundsätzlich sollte man so trennen wie du es gemacht hast, Asylrecht ist Asylrecht, Verfassungschutz ist Verfassungschutz.

    LG

    Antworten
  10. Thomas

    Bei Detail I steh ich jetzt auf der Leitung bzw. verstehe nicht was du meinst.

    Ich meinte eine Besprechung des Buches über Elisabeth Gehrer 😉

    LG

    Antworten
  11. hans christian

    @Thomas

    Detail 1:
    ein Thema: „Islamismus“ -> verwandt mit dem Thema: „NeoNazis und FPÖ“
    ein anderes Thema: „AsylantInnen“ -> verwandt mit dem Themen: „Ausgrenzung von Juden, Homosexuellen, Behinderten“

    ich behaupte: es gibt keinen unmittelbaren Zusammenhang.

    und es ist in dem Interview eben gerade nicht um das gegangen, was behauptet wird, lautet meine Analyse.

    Detail II:
    ???
    ich stehe auf der Leitung.

    Allgemein:
    hab nicht auf die Uhr geschaut. Aber das sehe ich alles sofort, wenn ich so etwas lese. Was wiederum mit meiner soziologischen Schulung zu tun hat.

    ich darf Dir als Philosophen, wenn Du erlaubst, Foucaults Archäologie des Wissens und v.a. Deleuze Besprechung von Foucault empfehlen. Da habe ich viel über die Analyse von Sätzen, Prädispositionen und Aussagen gelernt.

    @Andrea:
    Merci

    lg
    🙂

    Antworten
  12. Thomas

    Detail I:
    Ich denke bei „Demokratie oder unseren Rechtsstaat infrage“ geht es nicht darum, die Republik Österreich zu zerstören und ein Kalifat zu errichten, sondern darum, dass die Gesetze schlicht nicht zur Kenntnis genommen werden, bzw. hinter Tradition/Religion zurückstehen müssen. Das ist bei Teilen der Asylwerber und Migraten vermutlich ein Problem.

    Wahrscheinlich wird zu viel Exegese dieser beiden Absätze betrieben. Dönmez dürfte einfach „a ziemlich große Goschn“, und bei dem Interview nicht viel nachgedacht haben.

    Detail II:
    Ich erhoffe mir von dir eine Buchbesprechung.

    Allgemein:
    Wow, das ist ein Eintrag. Wie lang bist du dabei gesessen, oder kommen dir diese Zusammenhänge und Übergänge spontan?

    LG
    Thomas

    Antworten
  13. Andrea Mayer-Edoloeyi

    Guter Text, der meiner Meinung nach die Sache genau auf den Punkt bringt. Ich kenne Efgani flüchtig und frage mich mittlweile echt, ob dein Hinweis auf etablierte MigrantInnen in diesem Fall nicht genau zutreffend ist. Schade, aber so ist es wohl. Aber ich bin wohl auch nicht Zielgruppe, weil ich die Grünen genau wegen sowas schon lange nicht mehr wähle …

    Antworten

Kommentar verfassen